Minden. Für viele ist der Ruhestand ein langersehntes Ziel – andere hingegen blicken dem Ende ihres Berufslebens mit Unsicherheit oder gar Sorge entgegen. Der Übergang in die Rente ist ein einschneidender Moment, der nicht nur den Alltag, sondern auch das Selbstbild verändert, weiß Rainer Harpin.

Im Interview spricht der Coach und Gesundheitscoach darüber, warum eine gute Vorbereitung auf den Ruhestand für einen gelungenen Start in den neuen Lebensabschnitt unbedingt zu empfehlen ist. Das Interview erschien erstmals in der Sommerausgabe des Kundenmagazins der bkk melitta hmr .

Herr Harpin, Sie bieten seit sieben Jahren Workshops zur Vorbereitung auf den Ruhestand an. Warum ist es so wichtig, sich frühzeitig mit diesem Thema auseinanderzusetzen?

Der Ruhestand ist ein bedeutender Einschnitt im Leben – auch, weil viele Menschen unterschätzen, wie sehr der Beruf die eigene Identität prägt. Mit dem Abschied vom Job fallen nicht nur Aufgaben und Routinen weg, sondern oft auch soziale Kontakte und das Gefühl, gebraucht zu werden. Wer sich rechtzeitig mit diesen Veränderungen beschäftigt, kann diesen Übergang aktiv gestalten und den Herausforderungen souverän begegnen.

Was gehört alles zur Vorbereitung auf den Ruhestand?

Zunächst empfehle ich, einen „Kassensturz“ zu machen, also die finanzielle Situation zu klären, um den Ruhestand auf ein sicheres Fundament zu stellen. Ebenso wichtig ist es, das Thema in der Partnerschaft oder Familie offen zu besprechen, denn der neue Lebensabschnitt betrifft meist nicht nur einen selbst. Auch ein Gespräch mit dem Arbeitgeber kann helfen, zum Beispiel über einen gleitenden Ausstieg durch Arbeitszeitreduzierung.

Gibt es einen idealen Zeitpunkt für den Start in den Ruhestand?

Das ist sehr individuell. Manche Menschen sind in der dunklen Jahreszeit weniger belastbar, für sie wäre ein Start im Frühling oder Sommer vielleicht angenehmer. Es lohnt sich, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und den Zeitpunkt entsprechend zu wählen. Auch wenn in einem Betrieb größere Umstrukturierungen anstehen, könnte es für einzelne ältere Arbeitnehmer Sinn machen, über einen (vorgezogenen) Renteneinstieg nachzudenken und das Gespräch mit dem Arbeitgeber zu suchen.

Spielt es in Partnerschaften eine Rolle, wenn einer von beiden früher in Rente geht als der andere?

Oft ist es sogar besser, wenn die Partner versetzt in den Ruhestand starten. So können beide ihren eigenen Rhythmus finden und stehen nicht gleichzeitig vor den gleichen Herausforderungen. Das nimmt Druck aus der Situation und erleichtert die Anpassung.

Welche Herausforderungen erleben Ihre Teilnehmer am häufigsten?

Viele unterschätzen, wie stark der Verlust der beruflichen Rolle das Selbstwertgefühl beeinflussen kann. Besonders Führungskräfte leiden häufig unter dem Eindruck, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden. Auch das soziale Umfeld verändert sich: Der tägliche Austausch mit Kollegen, das gemeinsame Mittagessen oder der Small Talk am Kaffeeautomaten fällt weg.

Wer seine sozialen Kontakte ausschließlich im Job hatte, kann sich im Ruhestand schnell einsam fühlen. Rainer Harpin

Wer seine sozialen Kontakte ausschließlich im Job hatte, kann sich im Ruhestand schnell einsam fühlen. Deshalb ist es wichtig, neue Netzwerke und Aufgaben zu finden. Denn: Eine weit verbreitete Befürchtung unter künftigen Ruheständlern ist, dass sie mit dem gigantischen Volumen an hinzugewonnener freier Zeit nichts anzufangen wissen und ihnen feste Strukturen fehlen – um beides sollte man sich rechtzeitig kümmern.

Sollte man sich direkt nach dem letzten Arbeitstag neue Aufgaben suchen – oder erst mal gar nichts tun?

Ich rate dazu, sich zunächst eine Auszeit zu gönnen und nicht sofort den Terminkalender vollzupacken. Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen, um den Übergang zu verarbeiten und die neue Freiheit zu genießen. Danach kann man sich in Ruhe überlegen, welche Aktivitäten guttun.

Was ist Ihr wichtigster Rat für einen gesunden Start in den Ruhestand?

Achten Sie auf sich – körperlich und vor allem mental. Scheuen Sie sich nicht, Hilfe anzunehmen, wenn Sie sich überfordert fühlen. Der Ruhestand ist eine Chance, sich neu zu entdecken und fit zu bleiben – das ist doch eine schöne Perspektive.


Mehr zum Thema: Das ist Rainer Harpin

  • Coach und Gesundheitscoach Rainer Harpin bietet seit 2019 mit großem Erfolg den Bildungsurlaub „Ich bin dann mal weg – eine Einstimmung auf den Ruhestand“.
  • Außerdem arbeitet er als in anderen Themenbereichen als Dozent und Moderator.
  • Der ehemalige Banker mit beruflichen Stationen in Frankfurt, Berlin, London und Singapur hilft Menschen dabei, den Übergang vom Arbeits- ins Rentnerleben strukturiert anzugehen und den Herausforderungen zu begegnen.
  • Er lebt mit seiner Frau in der Nähe von Hannover.