Detmold/Paderborn. Sein eigener Chef sein, so arbeiten, wie man es schon immer wollte, eben „sein Ding machen“, wie es so schön heißt – all diese Gedanken mögen bei dem Wort Selbstständigkeit mitschwingen. So auch im Handwerk. Gerade dort gebe es im Augenblick beste Voraussetzungen, um seinen eigenen Betrieb zu führen, wie Michael Lutter, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe, betont und hinzufügt, dass dazu nicht mal eine eigene Firmengründung nötig ist. Was es damit auf sich hat, was es außerdem für Voraussetzungen braucht, wo die Herausforderungen liegen und wie der Schritt in die Selbstständigkeit am besten gelingt, verrät er im Interview.

Herr Lutter, warum macht es aktuell Sinn, sich im Handwerk selbstständig zu machen?

MICHAEL LUTTER: Dazu fallen mir drei Stichworte ein: Generationenwechsel, hohe Nachfrage, langfristige Auftragspotenziale. 

Was meinen Sie mit diesen drei Begriffen?

LUTTER: Viele Handwerksbetriebe auch in Lippe werden zunehmend von älteren Inhabern geführt. Und diese Inhaber suchen Nachfolger, die sie im Gegensatz zu früher in der eigenen Familie oft nicht mehr finden. Darin steckt ein enormes Potenzial für junge Selbstständige. Sie können etablierte Betriebe mit langjähriger, treuer Kundschaft, mit erfahrenen Mitarbeitern und einem guten Netzwerk übernehmen. Der zweite Punkt ergibt sich aus einer eigentlich negativen Lage, nämlich dem Fachkräftemangel. Weil Fach- und Arbeitskräfte fehlen, müssen die Kunden häufiger längere Wartezeiten in Kauf nehmen. Daraus ergeben sich natürlich Chancen für neue Unternehmen, die in diese Lücke stoßen können. Und ein letzter Punkt: es gibt unglaublich viel zu tun. 

Oh, steht etwa ein Bauboom an?

LUTTER: Der langfristige Bedarf an Handwerksleistungen ist mit Blick auf den großen Gebäudebestand mit gewaltigem Sanierungs- und Modernisierungsbedarf enorm. Aber nicht nur die baunahen Handwerke haben Potenziale. Auch der Bestand beispielsweise an Fahrzeugen will gepflegt und gewartet werden. Zukunftsfelder wie energetische Sanierungen, erneuerbare Energien, Digitalisierung und altersgerechter Umbau kommen hinzu.

Gehen wir da noch mal etwas weiter ins Detail: Was sind die Vorteile, abgesehen davon, dass man sein eigener Chef ist?

LUTTER: Als angestellter Handwerker hängen Leistung und Ertrag unmittelbar von der eigenen Arbeitszeit und von den erlernten handwerklichen Fähigkeiten ab. Als Unternehmer ist man in der Lage, durch den Einsatz von Mitarbeitern, durch den Aufbau einer Organisation und durch die Festlegung von Abläufen ein viel größeres Potenzial auszuschöpfen. Das vervielfacht die Leistung und den Umsatz und wirkt sich natürlich auf den Unternehmerlohn aus.

Der zunächst wichtigste Schritt zur Selbstständigkeit erfolgt nicht auf der Baustelle oder in der Werkstatt, sondern am Schreibtisch. Solide Vorplanungen und Kalkulationen sichern den späteren Erfolg. Foto: Adobe Stock Foto
Der zunächst wichtigste Schritt zur Selbstständigkeit erfolgt nicht auf der Baustelle oder in der Werkstatt, sondern am Schreibtisch. Solide Vorplanungen und Kalkulationen sichern den späteren Erfolg. Foto: Adobe Stock Foto

Aber es gibt natürlich Herausforderungen…

LUTTER: Ich lasse an dieser Stelle mal die üblichen Herausforderungen außer Acht: die Finanzierung der Erstausstattung, Suchen und Finden einer geeigneten Gewerbeimmobilie, das eigene Zeitmanagement. Eine der größten Herausforderungen für Existenzgründer sind unsere Bürokratie und überbordendes staatliches Reglement auf allen Ebenen. Welche Genehmigungen brauche ich? Welche lokalen Vorschriften muss ich z.B. bei Baustellen beachten? Welche Unterlagen werden benötigt, um öffentliche Aufträge zu erlangen? Die Liste der bürokratischen Hindernisse ist nahezu endlos. Unterschätzt werden außerdem die laufenden Pflichten: Dokumentation, Datenschutz, Arbeitsschutz, Personalführung sowie die Verantwortung für die Liquidität und wirtschaftliche Entscheidungen.

Kommen wir vom Theoretischen ins Praktische: Wie geht man eine Selbstständigkeit am besten an?

LUTTER: Eine, wie ich glaube, sehr vielversprechende Möglichkeit, habe ich oben schon genannt: die Übernahme eines bestehenden Betriebes. Hier gibt es viele Szenarien: Man kann zunächst als Mitarbeiter in dem Betrieb arbeiten und diesen kennenlernen. Man kann den Betrieb als Externer übernehmen und sich die Unterstützung des bisherigen Unternehmers noch eine zeitlang sichern. Es gibt so viele, gut geführte Handwerksunternehmen, die in Zukunft übergeben werden; ich halte diesen Weg in die Selbstständigkeit für sehr erfolgversprechend. Ganz wichtig: Es braucht einen vernünftigen Geschäftsplan, eine realistische Finanzierung und es schadet nicht, sich fachkundig beraten zu lassen.

Was wird von vielen im laufenden Prozess unterschätzt, wenn man sich selbstständig macht ?

LUTTER: Handwerker sein und einen Handwerksbetrieb führen, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Gerade in der Gründungsphase muss man viel Zeit investieren, oftmals mehr Zeit, als man ursprünglich angenommen hat. Einerseits muss man selber noch mitarbeiten, gleichzeitig muss man aber auch betriebliche Prozesse mitdenken und umsetzen: Vertrieb und Marketing sind wichtig, aber ebenso auch die Preiskalkulation und vor allem die Nachkalkulation. Mitarbeiter müssen gesucht und gefunden werden. Kurzum: Unternehmer zu sein, ist etwas anderes als Handwerker zu sein.

Was für Prüfungen müssen absolviert werden?

LUTTER: Für die Eintragung eines Betriebes in einem zulassungspflichtigen Handwerk in die Handwerksrolle ist in der Regel eine erfolgreich abgelegte Meisterprüfung oder ein vergleichbarer Berufsabschluss erforderlich. Die Meisterprüfung besteht aus vier Teilen: aus einem fachpraktischen Teil, einem fachtheoretischen Teil, einem kaufmännischen Teil und dem sogenannten AdA-Schein, der Ausbildereignungsprüfung. Dabei geht es um die praktische Planung des betreffenden Gewerkes, um technische Standards, um Qualitätsmanagement, um die sogenannten Fachregeln, aber auch um Kalkulation, Kostenrechnung, Finanzierung, Buchhaltung usw. Und natürlich soll ein Handwerksunternehmer in der Lage sein, seinen Berufsnachwuchs selber ausbilden zu können.

Michael Lutter, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe: "Handwerker sein und einen Handwerksbetrieb führen, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe."
Michael Lutter, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe: “Handwerker sein und einen Handwerksbetrieb führen, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.”

Welche Tipps haben Sie für angehende Selbstständige?

LUTTER: Mein Rat lässt sich in fünf Stichworte fassen: frühzeitig beraten lassen, realistisch kalkulieren, ausreichend Liquidität einplanen, Netzwerke über eine Mitgliedschaft in der jeweiligen Innung aufbauen und nicht alles allein machen wollen. Handwerkliches Können ist die Grundlage, unternehmerisches Denken macht daraus dann einen dauerhaft erfolgreichen Betrieb.

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