OWL. Zehn neue Mitglieder in recht kurzer Zeit – das ist kein Zufall. Das Netzwerk owl maschinenbau zieht gerade Unternehmen an, die die Sprache des industriellen Mittelstands sprechen. Und die Frage, die dabei immer wieder auftaucht, ist dieselbe: Wie sichert man das Wissen, das mit der nächsten Pensionierungswelle aus den Betrieben zu verschwinden droht?

Zwei der neuen Mitglieder geben darauf eine direkte Antwort. Phaina aus Bielefeld digitalisiert Vertriebswissen – mit Software, die Kunden auf der Website gezielt durch Fragenkataloge oder per KI-Chat zum passenden Produkt führt. Gegründet von Dominik Witt, Marcel Rösner und Niclas Köhler, alle drei mit Wurzeln im Maschinenbau-Mittelstand. Witt selbst hat neun Jahre in der Industrie gearbeitet, bevor er das Unternehmen mitgründete. Auf der Kundenliste stehen bekannte Unternehmen wie die Hettich Group, Hoppecke, Pepperl+Fuchs und die Böllhoff Gruppe – Namen, die im Netzwerk gut bekannt sind. Netzwerk-Geschäftsführer Christian Johow bringt es auf den Punkt: „Phaina digitalisiert Expertenwissen, bevor es mit der nächsten Pensionierungswelle aus den Unternehmen verschwindet.“

Dominik Witt ist einer der drei Phaina-Gründern. Witt hat benso wie die beiden weiteren Gründer Erfahrungen in der Maschinenbau-Branche gesammelt. Foto: owl maschinenbau
Dominik Witt ist einer der drei Phaina-Gründern. Witt hat benso wie die beiden weiteren Gründer Erfahrungen in der Maschinenbau-Branche gesammelt. Foto: owl maschinenbau

Ähnlich denkt Mercury.ai aus Bielefeld, ein Spin-off des CITEC der Universität Bielefeld, gegründet 2016. Heute geführt von Geschäftsführer Johannes Tappmeier und Mitgründer Dr. Maximilian Panzner als CTO. Ihr Produkt: eine hybride KI-Plattform, die technische Dokumentation in Echtzeit zugänglich macht – DSGVO-konform, ISO-27001-zertifiziert, ausschließlich auf Servern in Deutschland. Der Servicetechniker, der morgens in Polen vor einer Maschine aus dem Jahr 2014 steht und den passenden Schaltplan braucht, ist für Mercury.ai kein Sonderfall, sondern der Ausgangspunkt des Geschäftsmodells. Volkswagen Bank, Nestlé, Ravensburger und Schüco International vertrauen auf die Lösung.

Compliance wird zum Kernthema

Wer im Maschinenbau unterwegs ist, weiß: Die regulatorische Last der letzten Jahre – Maschinenverordnung, Cyber Resilience Act, NIS-2, CSRD, Digitaler Produktpass – trifft vor allem die, die keine eigene Compliance-Abteilung haben. Also den Großteil des KMU-geprägten Netzwerks.

Sustaind aus Bielefeld setzt genau hier an. Das 2023 von Louis Schulze und Niclas Musies gegründete Startup hat ein KI-gestütztes Rechtskataster entwickelt, das mehr als 120.000 Gesetze weltweit erfasst, Fristen überwacht und Nachweise automatisch strukturiert. Dazu eine ESG-Plattform, die bis zu 1.100 CSRD-Datenpunkte bündelt. Über 50 mittelständische Unternehmen nutzen das System bereits. Sustaind ist kein Newcomer im Netzwerk – das Team hat in der Webinar-Reihe „Maschinenbauwissen um Neun“ bereits die ESG-Performance der Region analysiert. Ergebnis: Der Anteil veröffentlichter CSR-Berichte liegt in OWL sieben Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Die Erklärung von Louis Schulze: „Vielleicht hat es damit zu tun, dass in der Region viele Familienunternehmen beheimatet sind, denen die Enkelfähigkeit ihres Geschäftsmodells wichtig ist.“

Aus dem Netzwerk heraus gebaut

Nicht alle Neuzugänge kommen aus der digitalen Welt. Fichtner & Schicht aus Schlangen steht für das andere Ende des Spektrums: 1972 in einer Garage gegründet, von Hans Joachim Fichtner und Rudolf Schicht, ungefähr auf halbem Weg zwischen Paderborn und Detmold. Aus dem ersten Galvanikbecken – einer mit Folie ausgekleideten Holzwanne – sind heute 30 Nickelhochleistungsbäder geworden, das größte fasst über 60.000 Liter. Rund 85 Beschäftigte produzieren in zwei Hallen Slush-Werkzeuge für Premium-Fahrzeug-Innenräume und Erosionsschutzprofile für die Luftfahrt. Seit 2019 führen die Brüder Tim und Jan Stricker den Betrieb, gemeinsam mit Markus Tack im Vertrieb. 2024 wurde das Unternehmen erstmals mit dem TOP-100-Siegel ausgezeichnet. Galvanoformung in diesem Maßstab gibt es in OWL kaum ein zweites Mal.

Das neunköpfige Team von owl maschinenbau arbeitet unermüdlich an der Erweiterung des Netzwerkes und an konkreten Projekten zum Wissenstransfer unter der den rund 300 Mitgliedsunternehmen aus OWL. Collage: owl maschinenbau
Das neunköpfige Team von owl maschinenbau arbeitet unermüdlich an der Erweiterung des Netzwerkes und an konkreten Projekten zum Wissenstransfer unter der den rund 300 Mitgliedsunternehmen aus OWL. Collage: owl maschinenbau

Ähnlich tief verwurzelt ist Ottemeier Werkzeug- und Maschinentechnik aus Verl. Das 1958 gegründete Familienunternehmen baut Sondermaschinen und Werkzeuge für die Blechverarbeitung, beschäftigt 89 Mitarbeitende und kommt zusammengerechnet auf die stolze Anzahl von mehr als 1.200 Jahren Betriebszugehörigkeit. Ihr erster Kunde war die Tenge in Rietberg – jene Unternehmerfamilie, die mit der Holter Eisenhütte 1839 den ersten Industriebetrieb der gesamten Region gegründet hat. Der industrielle Nachfolger heißt heute TENRIT Foodtec GmbH & Co. KG, bekannt für Spargelschälmaschinen. Und Miele, ebenfalls Mitglied bei owl maschinenbau, gehört zu den Kunden der ersten Stunde.

Neue Räume, neue Märkte

Dass Netzwerke auch in Begegnungsorten gedacht werden müssen, zeigt der Neuland Campus aus Rietberg – am 1. Juni 2026 offiziell eröffnet. 3.500 Quadratmeter am Gartenschaupark, drei Etagen, Co-Working, Werkstätten, Event- und Konferenzflächen. Initiiert von Christian Terhechte, getragen von einem Gründungskreis aus mittelständischen Unternehmern der Region: VENJAKOB Maschinenbau, Kraft Group, Febrü Büromöbel, Kreishandwerkerschaft Gütersloh-Bielefeld. owl maschinenbau war beim Soft Opening dabei und hat mit Michael Steinberg den ersten Schritt in eine strategische Partnerschaft gemacht.

Veranstaltungen wie der Aiscema-Workshop – hier bei Netzwerk-Mitglied Weidmüller in Detmold - könnten in Zukunft auch im Neuland Campus in Rietberg stattfinden. Foto: owl maschinenbau
Veranstaltungen wie der Aiscema-Workshop – hier bei Netzwerk-Mitglied Weidmüller in Detmold – könnten in Zukunft auch im Neuland Campus in Rietberg stattfinden. Foto: owl maschinenbau

Internationaler denkt das neue Fördermitglied Deutsch-Chinesische Gesellschaft Herford e.V. (DCGH). Seit 2015 besteht die Städtefreundschaft zwischen Herford und dem Stadtbezirk Xinbei bei Changzhou – übrigens besteht zwischen Minden und dieser Industriestadt seit 2015 eine Städtepartnerschaft. Jene zwischen Herford und Xinbei wird maßgeblich gefördert durch Wemhöner Surface Technologies. Mit der Mitgliedschaft bei owl maschinenbau soll nun der Weg bereitet werden, interessierten Netzwerkunternehmen den chinesischen Markt durch verschiedene Formate näherzubringen. Vorsitzender Dr. Junchen Yan nahm die Mitgliedsurkunde gemeinsam mit Louisa Vauth (MIT Moderne Industrietechnik) und Damian Ostrowski entgegen.

Menschen und Aufträge gewinnen

Zwei weitere Neuzugänge widmen sich dem, was viele Mitglieder im Alltag beschäftigt: Fachkräfte und Kunden finden. INDUMERA aus Herford macht seit 2017 nichts anderes, als produzierende Unternehmen dabei zu unterstützen, an neue Aufträge und Fachkräfte zu kommen – inzwischen für mehr als 130 Industriekunden. Gründer Eric Schneider kommt aus der datengetriebenen Performance-Welt, Co-Gründer Calvin Klusmeier hat an einer Filmuniversität in den USA studiert und dreht Recruiting-Videos, die authentisch wirken, weil er dafür auch mal auf einen Kran steigt. Kennengelernt hat das Netzwerk die beiden über ihren Podcast „Industrie-Impulse“, in dem Geschäftsführer Christian Johow zu Gast war.

work.mate aus Bielefeld setzt beim Onboarding an: Die Employee-Lifecycle-Lösung strukturiert Informationen und Prozesse vom Eintritt bis zum Austritt – damit Mitarbeitende im industriellen Umfeld nicht suchen, sondern handeln können.

Ebenfalls neu im Netzwerk: WAPP GmbH aus Bielefeld (Software-Entwicklung, u.a. für Häcker Küchen und Eggersmann Recycling Technology) sowie insensiv GmbH aus Bielefeld-Dornberg, deren Bildverarbeitungssysteme in einem Großteil aller deutschen Pfandflaschenautomaten stecken – ohne dass die meisten Nutzer wissen, dass die Technologie aus OWL kommt.

mmm-owl.de berichtet regelmäßig über das Netzwerk owl maschinenbau e.V. und seine Mitgliedsunternehmen.