OWL. In Lippe klingt das Wort „China“ für viele Unternehmen längst nicht mehr nur nach Absatzmarkt – sondern zunehmend nach Konkurrenz. Rund 120 Betriebe der Region unterhalten Geschäftsbeziehungen in die Volksrepublik, etwa 100 davon sind aktiv im Import- und Exportgeschäft. Für sie hat sich der Ton in den vergangenen Jahren spürbar verschärft, wie eine aktuelle Umfrage der Industrie- und Handelskammern zeigt.

Die bundesweite Befragung von DIHK und IHKs, an der sich vom 20. Juli bis 10. August 2026 insgesamt 1.325 Unternehmen beteiligten – darunter 248 aus Nordrhein-Westfalen –, zeichnet ein eindeutiges Bild: 76 Prozent der NRW-Betriebe nehmen eine zunehmende Konkurrenz durch chinesische Anbieter wahr . Unter den Unternehmen mit eigenem China-Exportgeschäft sind es sogar neun von zehn. Aus Ostwestfalen bezeichnen laut IHK-Exportabrometer 2026 61 Prozent China als das lohnendste Ziel für Auslandsinvestitionen. Doch das Geschäft mit China wird für Unternehmen aus OWL immer komplexer .

Für viele Unternehmen stellt sich damit längst nicht mehr nur die Frage, wie sie in China Geschäfte machen können. Sie müssen sich zunehmend fragen, wie sie sich gegen chinesische Wettbewerber behaupten – und zwar nicht nur in China, sondern auch auf anderen Märkten und im eigenen Land.

„Der steigende Wettbewerbsdruck aus China trifft auf schwierige Standortbedingungen in Deutschland. Deshalb müssen wir für unsere Unternehmen faire Wettbewerbsbedingungen schaffen und zugleich den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken“, ordnet Matthias Carl, Geschäftsführer der IHK Lippe, die Ergebnisse ein. Handlungsbedarf sehen die befragten Unternehmen vor allem beim Bürokratieabbau, bei schnelleren Genehmigungsverfahren und bei wettbewerbsfähigen Energie- und Arbeitskosten.

Alles nicht neu, alles schon gehört. Vor allem, weil Wirtschaftsinstitute wie das Ifo-Institut und das IW Köln seit Längerem mit Blick auf Überkapazitäten aus China etwa in der Stahl-, Solar- und Batterieproduktion darauf hinweisen.

Aufgeben kommt für die meisten Unternehmen nicht infrage

Trotz des spürbaren Drucks denkt die große Mehrheit nicht ans Aufgeben: Bundesweit kommt ein Rückzug aus umkämpften Geschäftsfeldern für 88 Prozent der Betriebe nicht infrage . Stattdessen setzen 60 Prozent auf Produktinnovation, die Hälfte auf Kostensenkung, und 39 Prozent suchen aktiv neue Absatzmärkte. In NRW zeigen sich ähnliche Werte.

Grafik: Quelle IHK NRW
Grafik: Quelle IHK NRW

Für die Unternehmen bedeutet das: Sie reagieren nicht mit Rückzug, sondern versuchen, ihre eigene Position zu stärken. Das kann über neue Produkte geschehen, über effizientere Prozesse oder über zusätzliche Märkte. Gerade für den industriell geprägten Mittelstand wird damit eine Frage wichtiger, die sich nicht allein mit Blick auf China beantworten lässt: Wie lässt sich die eigene Wettbewerbsfähigkeit verbessern, wenn der internationale Wettbewerb härter wird?

Der Ruf nach einer gemeinsamen europäischen Linie

Einigkeit herrscht bei den Unternehmen vor allem in einem Punkt: Im Alleingang lässt sich der Wettbewerbsdruck aus China kaum bewältigen. 73 Prozent der NRW-Unternehmen halten ein abgestimmtes außenwirtschaftspolitisches Handeln der EU für wichtig, 64 Prozent befürworten Maßnahmen zum Abbau strategischer Abhängigkeiten . Mehr als die Hälfte spricht sich zudem für einen stärkeren Schutz kritischer Infrastruktur aus.

Grafik: Quelle IHK NRW
Grafik: Quelle IHK NRW

Die Unternehmen erwarten damit nicht einfach mehr Schutz vor China. Sie setzen vielmehr auf einen europäischen Rahmen, der Wettbewerbsverzerrungen begrenzen und gleichzeitig den Zugang zu internationalen Märkten offenhalten soll. Das zeigt auch die Bereitschaft, handelspolitische Maßnahmen mitzutragen: 59 Prozent der Befragten würden solche Schritte auch dann unterstützen, wenn sie das eigene Unternehmen negativ treffen könnten.

Beim Blick auf konkrete Instrumente gehen die Meinungen jedoch auseinander: 38 Prozent würden einen beschränkten Marktzugang zum EU-Binnenmarkt begrüßen, knapp ein Drittel setzt auf stärkere Handelsschutzmaßnahmen, ein knappes Viertel eher auf den Abbau von Handels- und Investitionshemmnissen.

Damit wird das Dilemma deutlich: Die Unternehmen wollen sich gegen Wettbewerbsverzerrungen schützen, können aber zugleich auf internationale Lieferketten und Märkte nicht einfach verzichten.

Warum die Unternehmen auf eine gemeinsame EU-Strategie setzen

„China bleibt für viele Unternehmen ein wichtiger Absatz-, Beschaffungs- und Innovationsmarkt“, betont Carl – und mahnt deshalb Fingerspitzengefühl an. Seine Formel: Kooperation, wo möglich, Durchsetzungsfähigkeit, wo nötig. Die verschiedenen Positionen der Unternehmen schließen sich aus seiner Sicht nicht gegenseitig aus. Ziel müsse sein, europäische Interessen zu schützen und gleichzeitig den Zugang zu internationalen Märkten offenzuhalten.

Grafik: Quelle IHK NRW
Grafik: Quelle IHK NRW

China bleibt wichtiger Markt und Wettbewerber zugleich

Für die Unternehmen in Lippe bleibt China damit beides: ein wichtiger Geschäftspartner und ein Wettbewerber, dessen Stärke längst auch auf den heimischen Märkten spürbar ist. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob die Beziehungen schwieriger werden. Sondern wie die Unternehmen darauf reagieren – mit neuen Produkten, effizienteren Prozessen, zusätzlichen Märkten oder einer veränderten Strategie im China-Geschäft.

Für die Wirtschaft in der Region dürfte diese Gratwanderung damit zum Dauerbegleiter werden. China verschwindet nicht von der Landkarte der Unternehmen. Aber der Blick darauf verändert sich.


Mehr zum Thema: China als Wettbewerber und wichtiger Geschäftspartner

China ist für Unternehmen zugleich wichtiger Geschäftspartner und wachsender Wettbewerber. Wer die Entwicklung aus regionaler, deutscher und europäischer Perspektive vertiefen möchte, findet hier weiterführende Informationen:

Wettbewerb mit China: Was die NRW-Wirtschaft erwartet
  • 76 Prozent der befragten Unternehmen in Nordrhein-Westfalen nehmen eine zunehmende Konkurrenz aus China wahr. Die aktuelle IHK-Umfrage zeigt auch, wie Unternehmen reagieren und welche Maßnahmen sie von der EU erwarten. Zur IHK-Umfrage zum Wettbewerb mit China .
China bleibt Deutschlands wichtigster Handelspartner
  • Trotz des wachsenden Wettbewerbs bleibt die wirtschaftliche Verflechtung eng: 2025 war China mit einem Außenhandelsumsatz von 251,8 Milliarden Euro erneut Deutschlands wichtigster Handelspartner. Zu den Außenhandelsdaten von Destatis .
Wie die EU das Verhältnis zu China einordnet
  • Die Europäische Union beschreibt China zugleich als Partner, wirtschaftlichen Wettbewerber und systemischen Rivalen. Die EU-Kommission gibt einen Überblick über Handelsbeziehungen, Abhängigkeiten und die aktuelle Handelspolitik. Zu den EU-China-Handelsbeziehungen .

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