„Brauchen wir nicht, Klaus, das können wir schon alles.“ Diesen Satz höre ich derzeit öfter als die Trillerpfeife im Schwimmbad, meist verbunden mit dem Hinweis, man habe ja schon mit ChatIrgendwas experimentiert, und das Team habe auch schon fünfzehn Webinare zu KI gehört. Erstaunlich. Beim Buchdruck musste man lesen lernen und beim Schwimmen die Grundlagen üben.

Ausgerechnet KI scheint die erste Megatechnologie zu sein, die man beherrscht, ohne die Anwendung systematisch erlernt und verstanden zu haben. Ein sicherer Schwimmer wird man nicht durch die Badehose im Schrank, das Kennen der Hallenbadadresse und nicht durch Webinare darüber, warum Wasser zum Schwimmen wichtig ist. Sicher wird man durch Übung: Bahnen ziehen, Wasser schlucken, weiter üben. Vor dem Fahrtenschwimmer kommt nun mal das Seepferdchen. Auch und gerade im sicheren Umgang mit KI.

KI-Kompetenz und AI Act: Was Artikel 4 seit 2026 verlangt

Rechtlich verlangt Art. 4 des AI Act seit Februar 2025 von Unternehmen, die KI einsetzen, sich um die KI-Kompetenz der Mitarbeitenden zu kümmern . Die EU hat das zum 27. Juli 2026 nur scheinbar entschärft : Statt ein ausreichendes Niveau generell sicherzustellen, ergreifen Unternehmen zwar nun lediglich „Maßnahmen, um die Entwicklung der KI‑Kompetenz ihres Personals und anderer Personen zu unterstützen“ (Artikel 4). Manche lesen daraus: Die Grundlagen-Schulung kann weg. Gerade weil das Gesetz kein „Abzeichen“ mehr verlangt, liegt die Frage, wer bei dir sicher im KI-Becken schwimmen kann, nun vermeintlich in Deinem Ermessen. Die Pflicht scheint kleiner geworden, die Verantwortung ist es sicher nicht.

Was KI-Kompetenz wirklich bedeutet: mehr als ein Chatfenster

Warum unterschätzen wir die Grundkompetenz beim Einsatz von KI in Unternehmen so beharrlich? KI-Seepferdchen heißt nicht, zu wissen, wo das Chatfenster aufgeht, sondern zielführend zu prompten, zu verstehen, warum ein neuronales Netz Fehler erzeugt oder zu ahnen, dass KI sich bei Kamerabildern täuschen kann wie das Auge beim Stock im Wasser. Die Prüfkamera mit KI, die im Sommer tadellos Teile klassifiziert und im November plötzlich gute Teile falsch interpretiert, hat niemand falsch bedient – es wusste nur keiner, welchen Einfluss etwa die Lichtverhältnisse auf die Qualität der Datenbewertung haben können.

KI-Kultur: Wer Angst hat, verkrampft

Bleibt das Wasser selbst: Wer Angst hat, verkrampft, und wer verkrampft, geht eher unter. Auch KI wirkt erst, wenn diejenigen, die sie einsetzen, sich hineintrauen in die Anwendung, also beteiligt statt beschallt werden – eher eine Kultur- als eine Rechtsfrage. Dafür braucht es Schwimmlehrer, die mit ins Becken steigen, statt am Rand zu stehen – einen mit besonders bärigem Fell kennst Du schon. Und der macht gerne mit Dir und Deinem Team das KI-Seepferdchen.

KI-Seepferdchen im Team: So fangen Unternehmen am Beckenrand an

Auch der Transferbär hat mal mit KI-Schwimmflügeln angefangen und lernt täglich neue Techniken. Fangen wir also gemeinsam am Beckenrand an, schauen wir, wer bei Dir schon mit KI im Wasser ist und wer bang am Rand steht. Machen wir zusammen das Seepferdchen, bevor es auf das Drei-Meter-Brett geht – und schon zieht das Team seine Bahnen bis es sich freischwimmt. Freischwimmen heißt ja genau das: keinen Schwimmlehrer mehr zu brauchen.

Bärenwort und Bärentatze darauf.

Trotz sorgfältiger Recherche — Bärentatzen haften nicht, und diese Kolumne ist keine Rechtsberatung. Sie beruht auf umfassender Erfahrung in der Schulung und Beratung von Unternehmen und auf aktuellen, redundant geprüften Quellen.

Über Klaus Jansen

  • Klaus Jansen versteht sich weniger als klassischer IT- oder KI-Spezialist, sondern als Vermittler zwischen Technologie, Menschen und Organisationen – mit einem starken Fokus darauf, neue Technologien verständlich zu machen und deren sinnvollen Einsatz in der Arbeitswelt praktisch zu gestalten.
  • Unter anderem arbeitete er bei der OWL GmbH und im Umfeld des Technologienetzwerks it’s OWL. Seit 2022 ist er als Innovationsmanager beim ThinkTankOWL, dem gemeinsamen Transferservice der Hochschule Bielefeld und der Universität Bielefeld, sowie bei BRIC tätig.
  • Seit 2024 tritt er zusätzlich unter der Marke „ Transferbär “ selbstständig auf. Sein Schwerpunkt liegt heute insbesondere auf Künstlicher Intelligenz, KI-Kompetenz und AI-Act-Compliance, Führung und Entscheidungskompetenz, Personalentwicklung sowie dem generationenübergreifenden Arbeiten.
  • Klaus Jansen wird in einer regelmäßigen Kolumne aktuelle Themen und Herausforderungen der Wirtschaft in OWL aus einem etwas anderen Blickwinkel unter die Lupe nehmen.

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