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Job unter Druck: Wann Stress krank macht – und wann nicht
Der Psychologe Dr. Ahmad Bransi erklärt, warum Stress nicht immer schlecht ist, wie Motivation entsteht – und welche Warnsignale im Job ernst genommen werden sollten.
Motivation ist für Zufriedenheit am Arbeitsplatz unabdingbar. Sie setzt sich aus verschiedenen äußeren und persönlichen inneren Faktoren zusammen, wobei das Empfinden der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns mit zu den wichtigsten Aspekten zählt. Foto: AdobeStock
Detmold. Arbeit kann als etwas Erfüllendes wahrgenommen werden, weil man mit seinem Tun einen Sinn verbindet. Man schätzt die gute Kollegialität, hat ein ebenso entspanntes Verhältnis zu Vorgesetzten und Chefs, kurz: Die Arbeit macht Spaß.
Neben diesen positiven Aspekten, kann es aber auch zu großen Belastungen kommen: Aufgaben, die man nur ungern erfüllt, chaotische Bedingungen und Kommunikation oder Sorge um den Arbeitsplatz. All das führt zu Stress, der leider in gewissem Umfang oftmals im Berufsalltag dazugehört, der aber in zu hohem Maße über einen langen Zeitraum sehr gefährlich ist.
Besonders die Sorge um den Arbeitsplatz und somit um die eigene Existenz können erhebliche Ängste verursachen. Psychische Probleme und Erkrankungen sind dann die Folge. Das lässt sich statistisch belegen: 2024 erreichten psychische Krankheiten laut dem Online-Statistik-Portal Statista in der Top-Ten-Liste der Erkrankungen mit den meisten Fehltagen den dritten Platz. Am weitesten verbreitet seien dabei affektive Störungen wie Depressionen, berichtet das Online-Portal weiter.
Was führt dazu? Wie kann man in anstrengenden oder Angst einflößenden Situationen Ruhe bewahren? Was ist Motivation, und wie kann man sie sich bewahren? Und: Ist Stress immer negativ oder kann er sogar nützlich sein? Das erklärt der Detmolder Psychologe Dr. Ahmad Bransi im Interview.
Herr Dr. Bransi, fangen wir mit etwas Grundlegendem an: Was motiviert Menschen zur Arbeit?
Dr. Ahmad Bransi: Zunächst muss man sich hierbei klarmachen, dass Motivation am Arbeitsplatz aus einer Kombination von inneren und äußeren Faktoren entsteht. Die innere Motivation hat mit persönlichen Aspekten zu tun wie Sinnhaftigkeit, Interesse an der Tätigkeit, persönliche Entfaltung eigenständiges Arbeiten sowie das Gefühl, etwas bewirken zu können. Äußere Motivation hingegen wird durch äußere Faktoren beeinflusst wie Gehalt, Anerkennung, berufliche Perspektiven, Sicherheit des Arbeitsplatzes und soziale Interaktionen.
Gibt es eine Gewichtung zwischen diesen beiden die Motivation bestimmenden Faktoren, oder sind sie in ihrer Bedeutung ebenbürtig?
Bransi: Nicht direkt. Aktuelle Studien belegen, dass die innere Motivation auf lange Sicht hin einen größeren Einfluss auf Zufriedenheit und Leistung hat. Besonders entscheidend ist dabei, sich wertgeschätzt zu fühlen und einen Sinn in der eigenen Arbeit zu erkennen.
Im Arbeitsalltag wird die eigene Motivation oft genug auf die Probe gestellt. Wie schafft man es, positiv am Arbeitsplatz zu bleiben trotz Krisen und Belastungen?
Bransi: Positiv zu bleiben am Arbeitsplatz bedeutet nicht, Probleme zu ignorieren, sondern sie aktiv und mit einer lösungsorientierten Haltung anzugehen, regelmäßig zu reflektieren und auch Feedback einzuholen. Um positiv bleiben zu können trotz Krisen und Belastungen, ist es wichtig, bewusst Schritte zur Stärkung der eigenen Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit) zu unternehmen.
Was könnte man da zum Beispiel machen?
Dr. med. Ahmad Bransi ist Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie in Detmold. Fotorechte: Ahmad Bransi
Bransi: Zum Beispiel realistische, kleine, erreichbare Ziele setzen und selbst kleine Erfolge wertschätzen. Das stärkt die Selbstwirksamkeit, das Selbstvertrauen und die Motivation. Auch soziale Unterstützung kann helfen, indem man sich mit Kolleginnen und Kollegen austauscht. Mentoring und Coaching bieten die Möglichkeit, Herausforderungen gemeinsam zu meistern und voneinander zu lernen.
Und nicht zu vergessen ist auch die Selbstfürsorge. Das bedeutet, auf regelmäßige Pausen, ausreichend Bewegung und genügend Schlaf zu achten, um die körperliche und geistige Gesundheit zu erhalten. Dazu kann man Methoden und Übungen zur seelischen Entspannung anwenden wie Meditation, Achtsamkeitsübungen oder auch ein Tagebuch führen. All diese Punkte helfen, Stress abzubauen und die eigene Selbstwahrnehmung zu verbessern.
Wahrnehmung ist ein wichtiges Stichwort: Wie kann man die eigene immer wieder kontrollieren, ob sie stimmt oder ob man starken Beeinflussungen von außen unterliegt?
Bransi: Natürlich ist zuerst einmal festzuhalten, dass Wahrnehmung immer subjektiv ist und von den eigenen Erfahrungen, Gefühlen und äußeren Faktoren abhängt. Um die Zuverlässigkeit seiner Wahrnehmung zu überprüfen, kann man verschiedene Sachen unternehmen. Dazu gehört die regelmäßige Frage, ob die eigene Einschätzung auf Fakten basiert oder durch Ängste und Erwartungen entsteht. Feedback von Kollegen kann ebenfalls helfen, eigene Einschätzungen zu schärfen. Das kann man selber auch, indem man unterschiedliche Informationsquellen nutzt, um mögliche Verzerrungen der Wahrnehmung oder Vorurteile aufzudecken.
Wo liegt denn der psychische Unterschied zwischen Optimismus und Selbsttäuschung?
Bransi: Optimismus und Selbsttäuschung werden oft miteinander verwechselt, sind aber in ihren Ursachen und Auswirkungen sehr verschieden. Optimismus bedeutet, die Wirklichkeit anzuerkennen, dabei aber konstruktiv zu denken und nach Lösungen für Probleme zu suchen. Optimistische Menschen orientieren sich an Erfahrungen und Fakten, wodurch sie handlungsfähig bleiben und aktiv Herausforderungen meistern.
Selbsttäuschung dagegen bedeutet, dass man Probleme oder Risiken ignoriert oder verleugnet. Betroffene orientieren sich nicht an der tatsächlichen Situation, sondern an ihren eigenen Vorstellungen oder Ängsten. Das kann dazu führen, dass sie Situationen falsch einschätzen oder passiv werden, weil sie die Realität ausblenden.
Was sind die Konsequenzen daraus?
Bransi: Psychologische Untersuchungen zeigen, dass Optimismus zur Stärkung der eigenen Resilienz beiträgt und dabei hilft, Herausforderungen besser zu bewältigen. Selbsttäuschung kann aber zu Fehlentscheidungen oder sogar zum Burnout führen. Deshalb ist es wichtig, immer einen realistischen Blick auf die Wirklichkeit zu behalten und dabei optimistisch zu denken.
Kommen wir zum Thema Stress: Muss dieser immer negativ sein?
Bransi: Stress muss nicht unbedingt negativ sein, es kommt auf die Dosierung und den richtigen Umgang damit an. Man kann daher zwischen positivem Stress oder auch Eustress und dem negativen Stress, dem Distress, unterscheiden. Der Eustress führt zu einer Motivations- und Leistungssteigerung, zum Beispiel vor einer wichtigen Aufgabe. Der Distress dagegen verstärkt das Gefühl der Überlastung und Überforderung und führt schließlich zu Erschöpfung.
Wie lässt sich der Stress „steuern“, sodass er nicht ins Negative kippt?
Bransi: Man kann ihn in einer entsprechenden Situation als Herausforderung und Möglichkeit, sich zu bessern oder etwas Neues zu lernen, sehen, nicht als Bedrohung und Gefahr. Eine weitere Option ist es, zu priorisieren, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, lernen „Nein“ zu sagen und seine eigenen Möglichkeiten zu erkennen und nicht zu überstrapazieren. Generell, ob gut oder schlecht, lässt sich Stress mit körperlicher Aktivität abbauen.
Was sind Warnsignale, dass die Belastung zu groß ist?
Bransi: Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass diese Signale kein Zeichen von Schwäche sind, sondern ein Hilferuf der Seele. Die Zeichen äußern sich aber nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Zu Letzterem gehören Schlafprobleme, Kopfschmerzen, Probleme im Magen-Darm-Trakt und eine Anfälligkeit für Infekte. Psychische Symptome sind oft Gereiztheit, Schwierigkeiten beider Konzentration, Gefühle von Hoffnungslosigkeit, Lustlosigkeit und sozialer Rückzug. Das schlägt sich in Verhaltensänderungen nieder wie Prokrastination oder vermehrten Konsum von Alkohol, Nikotin und Beruhigungsmitteln.
Dauernde Erschöpfung am Arbeitsplatz kann ein Warnsignal sein, dass man überarbeitet oder überfordert ist. Es zu ignorieren, ist in jedem Fall der falsche Weg. Foto: AdobeStock
Wie sehr spielen Belastungen am Arbeitsplatz eine Rolle für psychische Erkrankungen? Ist da eine Zunahme zu beobachten?
Bransi: Ja. Laut verschiedenen Studien, etwa von der Techniker Krankenkasse oder der Bundespsychotherapeutenkammer, nehmen psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Burnout seit einigen Jahren zu. Der DAK-Gesundheitsreport von 2025 bestätigt, dass psychische Erkrankungen mittlerweile zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit gehören.
Zu den Hauptursachen zählen die Arbeitsverdichtung und höhere Arbeitsbelastung, die zunehmende Digitalisierung, unsichere Arbeitsverhältnisse und eine fehlende Work-Life-Balance. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung noch verschärft: Homeoffice, soziale Isolation und allgemeine Unsicherheit führen bei vielen Menschen zu zusätzlichem Stress.
Wenn Warnsignale auftreten, kann man dann noch selbst gegensteuern? Und wie geht das?
Bransi: Auf Dauer können ernsthafte gesundheitliche und psychosoziale Probleme auftreten. Daher sollte man bei Warnsignalen baldmöglich handeln. Frühzeitiges Handeln erleichtert das Bewältigen von Krisensituationen erheblich. Selbst kann man auf regelmäßige Erholungsphasen und Pausen achten und klare Grenzen setzen, zum Beispiel, indem man vereinbarte Arbeitszeiten klar einhält und Überstunden auf ein Minimum reduziert.
Wichtig sind vor allem auch soziale Kontakte, also Familie, Freunde oder Kolleginnen und Kollegen, mit denen man sich austauscht. Das sorgt für Entlastung. Ab einem gewissen Grad aber sollte fachliche Unterstützung von Betriebsärzten, Psychotherapeuten oder Coaches hinzugezogen werden.
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