Bielefeld. Für ihre Abschlusskollektion entwickelte Isabel Niemann unter anderem Schnittmuster für Hosen, die von Menschen im Rollstuhl oder mit Prothesen getragen werden können. Ihre Kollektion ist eine von zwei Gewinnerprojekten, die mit dem diesjährigen Grand Prix Inclusive Design ausgezeichnet wurden. Die internationale Auszeichnung würdigt Projekte, die das Leben von Menschen mit Behinderung verbessern.

Designende fördern, die eine inklusive und verantwortungsbewusste Zukunft gestalten und damit das Leben von Menschen mit Behinderung verbessern: Das ist die Initiative hinter dem „Grand Prix Inclusive Design“ (GPID), ein Innovationspreis, der Kreationen an der Schnittstelle von Mode, Design und Barrierefreiheit auszeichnet. Isabel Niemann, die mittlerweile im Master Mode an der Hochschule Bielefeld (HSBI) studiert, erhielt jetzt für ihre Bachelor-Kollektion „Point of Return“ den zweiten Platz des internationalen Preises.

Im Rollstuhl oder mit Prothese drückt keine Naht

Die Kollektion umfasst adaptive Kleidungstücke, die auch von Menschen im Rollstuhl oder mit Prothesen und auch Exoskelettnutzern getragen werden können. Die Hosen-Passformen hat sie so konzipiert, dass sie auch in einer sitzenden Position funktionieren und bequem sind – ohne störende Nähte und Gürtelschlaufen, unangenehmes Einschneiden oder Hochrutschen. Viele Kleidungsstücke sind so konzipiert, dass sie sowohl für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen tragbar sind.

Designschaffende aus aller Welt waren in dieser 4. Ausgabe des GPID dazu aufgerufen, Projekte einzureichen, die einen innovativen Mehrwert für Menschen mit Behinderungen haben. Ein Thema, das bei Isabel Niemann auf offene Ohren stieß. Isabel Niemann konzipierte bereits für ein Kooperationsprojekt des Fachbereich Gestaltung der HSBI rollstuhlgerechte Kleidungsstücke für die Wheel-Soccer-Mannschaft von Arminia Bielefeld und setzte auch bei ihrer Bachelor-Abschluss Kollektion an der HSBI auf adaptive Mode. Mit dieser Kollektion bewarb sie sich beim GPID und wurde nun als eine von zwei Preisträgerinnen ausgezeichnet.

„Meine Mode soll für möglichst viele Personen tragbar sein.“ Isabel Niemann

Inspiriert vom Film „Interstellar“ basiert Niemanns Kollektion „Point of Return“ auf einem Szenario, in dem die Erde aufgrund von durch den Menschen verursachten Umweltkatastrophen unbewohnbar geworden ist. Die Kollektion umfasst anpassungsfähige Kleidungsstücke, die in engem Austausch mit Rollstuhlfahrern und Exoskelett-Nutzern entworfen wurden und typische Arbeitskleidung mit der Schutzlogik von Raumanzügen verbinden.

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Den Preis konnte Isabel Niemann Anfang Juni persönlich in Paris in Empfang nehmen. Die Bekanntgabe der beiden Gewinnerprojekte fand am Institut Francaise de la Mode statt, eine der bekanntesten Modehochschulen weltweit. Die Jury bestand aus bekannten Akteurinnen und katueren der französischen Modeszene, die sich für Innovation, Inklusion und auch Nachhaltigkeit einsetzen. „Alles Werte, die mir in meiner Arbeit sehr wichtig sind, die aber aktuell noch sehr unterrepräsentiert in der Modewelt sind“, so Niemann. „Der ausgeschriebene Wettbewerb war deshalb eine einmalige Gelegenheit für mich, meine Arbeit ebendiesen Personen zeigen zu können, die wirklich Veränderungen in der Modewelt vorantreiben und unterstützen möchten.“

Den Preis konnte Isabel Niemann Anfang Juni persönlich in Paris in Empfang nehmen. Die Bekanntgabe der beiden Gewinnerprojekte fand am Institut Francaise de la Mode statt, eine der bekanntesten Modehochschulen weltweit. Foto: Tilo Guétard-Isore/pr
Den Preis konnte Isabel Niemann Anfang Juni persönlich in Paris in Empfang nehmen. Die Bekanntgabe der beiden Gewinnerprojekte fand am Institut Francaise de la Mode statt, eine der bekanntesten Modehochschulen weltweit. Foto: Tilo Guétard-Isore/pr

Im Anschluss an die Preisverleihung wurden die beiden Gewinnerprojekte ausgestellt, und es gab Gelegenheit für einen Austausch. Niemann: „Ich habe an dem Abend echt wertvolles Feedback erhalten und wichtige Personen kennengelernt, die mich dabei unterstützen können, inklusive Mode weiterzuentwickeln und umzusetzen.“ Denn das ist weiterhin das Ziel der Studentin: adaptive Mode zu designen, die für Menschen mit und ohne Behinderung funktioniert und somit von viel mehr Personen getragen werden kann.

Der GPID wurde von den Initiativen Eyes on Talents, Paris Good Fashion und APF Handicap in Kooperation mit Zalando ausgeschrieben. Botschafterin war Virginie Dubost, die als Rednerin, Podcasterin und Kolumnistin, über ihre Erfahrungen als Tetraplegikerin im Rollstuhl berichtet.

Studierende mit Haltung ausbilden

Philipp Rupp, Mode-Professor am Fachbereich Gestaltung, hat Isabel Niemanns Abschlusskollektion mitbetreut. Rupp: „Als Lehrender und Diversity-Beauftragter freue ich mich sehr über die Auszeichnung. Der Preis bestätigt, dass wir unseren Studierenden die Verantwortung als Gestalterinnen und Gestalter vermitteln. Wir bilden Menschen aus, die die Bedürfnisse anderer berücksichtigen und darauf aufbauend gestalten. Das Projekt zeigt zudem, wie Social-Design-Strategien die Modebranche neu denken lassen.“

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