Bielefeld. Der Maschinenbau steht vor tiefgreifenden Veränderungen: Digitalisierung, Automatisierung, Nachhaltigkeitsanforderungen und ein intensiver globaler Wettbewerb fordern Unternehmen heraus, ihre Geschäftsmodelle kontinuierlich weiterzuentwickeln. Als Geschäftsführer des als Verein organisierten Netzwerks „owl maschinenbau“ gestaltet Christian Johow ein starkes Branchenforum, das Unternehmen und Wissenschaft zusammenbringt, Innovation fördert und den Austausch auf Augenhöhe ermöglicht.

Herr Johow, wie erleben Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage in der Maschinenbaubranche?

Christian Johow: Die Ehrlichkeit gebietet mir zu sagen: Es ist gerade wirklich nicht einfach. Wir sehen in unseren Mitgliedsunternehmen – vom Hidden Champion bis zum Mittelständler – einen enormen Anpassungsdruck. Steigende Energiekosten, geopolitische Unsicherheiten, ein zunehmender Protektionismus auf den Weltmärkten und das Thema Fachkräftemangel kommen gleichzeitig auf die Unternehmen zu. Das exportorientierte Modell, das den deutschen Maschinenbau groß gemacht hat, steht unter Druck. Aber ich erlebe insbesondere in OWL auch eine Grundhaltung, die mich wirklich beeindruckt: Die Unternehmen ducken sich nicht weg, sondern fragen sich, wie sie die Transformation aktiv gestalten können. Und genau dafür sind Netzwerke wie unseres da.

Wie gehen Unternehmen mit dem Spannungsfeld zwischen Kostensenkung und Personalentwicklung um?

Das ist die entscheidende Frage, und ich beobachte sehr unterschiedliche Reaktionsmuster. Einige greifen reflexartig zur Kostenbremse, auch beim Personal. Das ist menschlich verständlich, aber strategisch manchmal gefährlich. Denn das Fachkräfteproblem löst sich dadurch nicht, es verschärft sich: Laut Fachkräftemonitor der IHK könnten in Ostwestfalen bis 2035 bis zu 65.000 Stellen unbesetzt bleiben, mehr als doppelt so viele wie heute. Der Hauptgrund ist demografisch: In den nächsten zehn Jahren gehen rund 230.000 Beschäftigte allein in OWL in den Ruhestand. Die klügeren Unternehmen begreifen Personalentwicklung deshalb als Investition in Resilienz.

Welche Auswirkungen hat der wirtschaftliche Druck auf Führung und Zusammenarbeit und was erwarten Mitarbeitende heute von Führung?

Wirtschaftlicher Druck macht Führungsqualität sichtbar, im positiven wie im negativen Sinne. Was ich in unseren Mitgliedsunternehmen wahrnehme: Mitarbeitende wollen ehrliche Kommunikation. Wo stehen wir, was ist der Plan, welche Rolle spielen sie dabei? Psychologische Sicherheit ist dabei eine Voraussetzung für Innovationskraft. Und die brauchen wir dringend: Fast 70 Prozent der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe in OWL arbeiten in Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitenden. Wenn Menschen Angst haben, ihren Job zu verlieren, hören sie auf, Ideen einzubringen. In Zeiten, in denen wir Ideen so dringend brauchen wie selten zuvor, ist das fatal.

Welche überfachlichen Kompetenzen sind für Führungskräfte gerade besonders wichtig?

Ganz oben steht für mich Veränderungsbereitschaft, die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Dicht dahinter kommt Kommunikationsstärke, und dann etwas, das ich Netzwerkkompetenz nenne: die Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand zu schauen und branchenübergreifend zu lernen. Genau das trainieren wir seit zwölf Jahren im Cross-Mentoring bei „owl maschinenbau“ mit inzwischen mehr als 235 Mitgliedsunternehmen in unserem Netzwerk. Und Fehlerkultur gehört auch dazu. Wer nie etwas ausprobiert, weil er Angst vor dem Scheitern hat, wird in dieser Zeit nicht wachsen. Mein Credo für lautet deshalb: Wir möchten ein Netzwerk sein, in dem man auch mal was ausprobieren darf, ohne dass gleich die Welt zusammenbricht. Das klingt einfach, ist aber für viele Unternehmen ein echter Kulturwandel.

Was ist jetzt und in Zukunft für Maschinenbau-Unternehmen entscheidend?

Drei Dinge: Neue Geschäftsmodelle, Netzwerk und Arbeitgeberattraktivität. Neue Geschäftsmodelle, weil das klassische Produktgeschäft unter Druck steht. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) prognostiziert, dass Datenökonomie und servicebasierte Erlösmodelle zum Schlüssel für die nächste Wachstumsstufe werden. Das können wenige Unternehmen alleine stemmen. Deshalb ist Netzwerk so entscheidend. OWL ist kein Zufall: Wir haben hier eine einzigartige Dichte an Weltmarktführern und Hidden Champions auf engstem Raum, die laut Stockholm School of Economics zu den stärksten Produktionsclustern in Europa zählt. Diesen Standortvorteil müssen wir aktiv nutzen!

Und drittens?

Ganz klar die Arbeitgeberattraktivität. Wenn bis 2035 bis zu 65.000 Stellen in OWL unbesetzt bleiben könnten, dann ist die Branche gut beraten, viel aktiver zu erzählen, wie spannend Maschinenbau ist: echte Wertschöpfung, Zukunftsthemen wie KI und Nachhaltigkeit und ja Arbeitsplätze, die bleiben. Der Maschinenbau ist kein Auslaufmodell. Er ist das Fundament unserer Wirtschaft. Das müssen wir selbstbewusst sagen.

Infobox: Das ist Christian Johow

  • Christian Johow ist seit Juli vergangenen Jahres Geschäftsführer von „owl maschinebau“. Nach der Ausbildung zum Bankkaufmann und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre arbeitete Johow viele Jahre in Unternehmensberatungen verschiedener Banken.
  • Ab 2020 verantwortete er mit seinem Team das Kompetenzfeld “Digitale Wirtschaft & Startups”, für das er Innovationsprozesse innerhalb der Bank gestaltete, neue Strategien für die Zusammenarbeit mit Start-ups entwickelte und einen strukturierten Zugang zur regionalen Gründerszene schuf. In dieser Rolle positionierte er die Bank gezielt als Partner für junge Unternehmen und schaffte es, nachhaltige Innovationspartnerschaften zu entwickeln.
  • Parallel dazu rief er mit regionalen Partnern den “Teuto Seed Club” ins Leben – ein Business-Angel-Netzwerk, das gezielt ostwestfälische Start-ups fördert und ihnen Zugang zu Kapital, Mentoren und Industrie-Know-how verschafft.
  • In seinen bisherigen Funktionen hat er gezielt Kooperationen zwischen Wirtschaft und innovationsnahen Akteuren initiiert und weiterentwickelt.