OWL. Die Betriebe in OWL möchten ausbilden, so viel steht fest. Was ihnen zunehmend fehlt, sind Bewerberinnen und Bewerber, die den Anforderungen einer dualen Ausbildung tatsächlich gewachsen sind. Das ist das zentrale Ergebnis der aktuellen Ausbildungsumfragen der IHK Lippe und der IHK Ostwestfalen, an denen sich zusammen mehr als 600 Unternehmen aus der Region beteiligt haben.

Die Zahlen sind deutlich: 94 Prozent der befragten Betriebe in beiden Kammerbezirken berichten von Defiziten bei den sogenannten Berufseinstiegskompetenzen ihrer Bewerberinnen und Bewerber – bei der IHK Ostwestfalen ein Sprung von 85 Prozent im Vorjahr.

Ein Befund, zwei Kammern, dieselbe Diagnose

Die Ausbildungsumfrage ist kein regionales Format, sondern Teil der jährlichen, bundesweit einheitlich angelegten Ausbildungsumfrage der Industrie- und Handelskammern unter dem Dach des DIHK. IHK Lippe und IHK Ostwestfalen haben den zentral vorgegebenen Fragebogen jeweils eigenständig unter ihren Mitgliedsunternehmen ausgewertet – mit bemerkenswert deckungsgleichen Resultaten.

In Lippe konnte fast jedes zweite Unternehmen im vergangenen Jahr nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. In Ostwestfalen sind es 46 Prozent der Betriebe, und 69 Prozent von ihnen nennen fehlende Qualifikation oder Eignung der Bewerberinnen und Bewerber als Hauptgrund. Ein Viertel der ostwestfälischen Betriebe erhält auf ausgeschriebene Ausbildungsstellen inzwischen überhaupt keine Bewerbungen mehr.

Bei den konkreten Defiziten zeichnen beide Kammern ein ähnliches Bild: Schwächen in Deutsch und Mathematik, mangelnde Konzentrations- und Leistungsfähigkeit sowie – laut IHK Ostwestfalen besonders ausgeprägt – Defizite bei Belastbarkeit und Disziplin im Arbeits- und Sozialverhalten.

Fachkräftesicherung beginnt in der Schule:Die Grafik der IHK Lippe schlüsselt die Defizite der Schulabgängerinnen und Schulabgänger auf einen Blick auf. Grafik: IHK Lippe
Fachkräftesicherung beginnt in der Schule:Die Grafik der IHK Lippe schlüsselt die Defizite der Schulabgängerinnen und Schulabgänger auf einen Blick auf. Grafik: IHK Lippe

Die Probleme bei der Suche nach geeigneten Bewerbern sind auch Svenja Jochens von der IHK Lippe nicht entgangen. „Die Unternehmen in Lippe wollen ausbilden. Die Bereitschaft der Wirtschaft ist weiterhin hoch. Die größte Herausforderung besteht zunehmend darin, genügend geeignete Bewerberinnen und Bewerber zu finden“, sagt die Hauptgeschäftsführerin der IHK Lippe zu Detmold.

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Bei der IHK Ostwestfalen sieht man die Verantwortung nicht ausschließlich bei den Schulen. „Die Ergebnisse zeigen, dass viele Ausbildungsbetriebe zunehmend zusätzliche Anstrengungen unternehmen müssen, um bestehende Herausforderungen bei der Ausbildungsreife auszugleichen. Damit junge Menschen erfolgreich in Ausbildung und Beruf starten können, sind Schule, Elternhaus, Politik und Wirtschaft gleichermaßen gefordert“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke.

Die Abiturientenlücke verschärft den Wettbewerb

Beide Kammern blicken zudem mit Sorge auf die demografische Entwicklung: Durch die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium fällt der Abiturjahrgang 2026 in NRW deutlich kleiner aus als in den Vorjahren – in Lippe wie in Ostwestfalen. Immerhin: 56 Prozent der ostwestfälischen Betriebe melden bislang keine spürbaren negativen Folgen für die eigene Stellenbesetzung. Jochens mahnt trotzdem zur Wachsamkeit: „Wenn weniger junge Menschen die Schule verlassen und gleichzeitig viele Unternehmen Nachwuchs suchen, wird jede und jeder Einzelne für die Fachkräftesicherung unserer Region noch wichtiger.“

Was die Ausbildungsbetriebe in OWL dagegensetzen

Reagiert wird längst nicht nur mit Wehklagen. Betriebe gehen das Problem proaktiv an und nehmen das Heft in die Hand. Laut IHK Ostwestfalen haben bereits 76 Prozent der Betriebe eigene Maßnahmen ergriffen, um Defizite bei der Ausbildungsreife auszugleichen – von Nachhilfeangeboten über Ausbildungsvorbereitungskurse bis zur „Assistierten Ausbildung“ (AsA flex), einem von der Agentur für Arbeit geförderten Unterstützungsprogramm. Ergänzend verweisen beide Kammern auf das bundesweite, kostenfreie Mentoringprogramm VerAplus, bei dem ehrenamtliche Fachleute Auszubildende individuell begleiten.

„Jede und jeder Einzelne wird für die Fachkräftesicherung unserer Region noch wichtiger.“ Svenja Jochens

Für die direkte Vermittlung zwischen Betrieben und Ausbildungsinteressierten setzt die IHK Lippe auf ihr Angebot der Passgenauen Besetzung , Ansprechpartnerin ist Sarina Scholz. Hinzu kommen der kurzfristig angelegte Lehrstellenendspurt sowie die Ausbildungsmesse „Berufe live“. Über das Portal www.ausbildung.nrw/ostwestfalen können sich Jugendliche zudem tagesaktuell über freie Ausbildungsplätze in der Region informieren.

Auch das Handwerk registriert die Entwicklung

Eine eigene, öffentlich zugängliche Ausbildungsumfrage der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld mit vergleichbarem regionalem Zuschnitt ließ sich zu diesem Thema nicht ermitteln. Auf Bundesebene schlägt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) aber in dieselbe Kerbe wie die beiden regionalen IHKs.

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Anlässlich des OECD-Bildungsberichts „Bildung auf einen Blick“ erklärte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke bereits im September 2025, viele Schulabsolventinnen und -absolventen verfügten „beim Übergang in Ausbildung und Beschäftigung nicht mehr über ausreichende Grundkompetenzen, gerade in Deutsch und Mathematik“ – eine Einschätzung, die sich mit den aktuellen IHK-Zahlen aus Lippe und Ostwestfalen nahezu deckt. Der ZDH fordert deshalb unter anderem ein flächendeckendes schulisches Diagnosesystem, das fehlende Grundkompetenzen frühzeitig erkennt, sowie eine stärkere Bewerbung von Einstiegsqualifizierung und Assistierter Ausbildung.

Zum Thema: Unbequemes Ergebnis

Ob IHK oder Handwerk, ob Lippe oder Bielefeld – der Befund für Ostwestfalen-Lippe ist erstaunlich einheitlich: Die duale Ausbildung bleibt bei den Betrieben beliebt, doch die Basis, auf der sie aufbaut, bröckelt. Für die Region rückt damit die Stärkung der Berufseinstiegskompetenzen, so unbequem der Befund auch sein mag, an die Spitze der wirtschaftspolitischen Agenda.