Lemgo. Wenn man eine Umfrage machen würde, was Erfolg ist oder ausmacht, so würden bestimmt die unterschiedlichsten Antworten zusammenkommen. Für die einen bedeutet es beispielsweise, im Beruf Karriere zu machen. Erreicht jemand hohe Posten oder führt gar ein eigenes Unternehmen, ist schnell die Rede vom „erfolgreich sein.“ Oft wird dies zusätzlich an Attributen wie Geld, einem großen Haus, einem teuren Auto inklusive einem entsprechenden Auftreten und Lifestyle festgemacht. Doch was macht Erfolg wirklich aus? Wie kommt er zu einem? Kann man ihn sogar beeinflussen? Und wie sieht die Psychologie dahinter aus? Darüber weiß Prof. Dr. Tobias Krüger Bescheid. Er beschäftigt sich an der Technischen Hochschule OWL in Lemgo mit Markt- und Konsumentenpsychologie, die einen Teil der Wirtschaftspsychologie bildet. Er betont, dass ein wesentlicher Faktor für Erfolg – egal ob wirtschaftlich oder privat – bei einem selbst liegt. Was es damit auf sich hat und was noch dazu gehört, erklärt er im Interview.

Herr Prof. Dr. Krüger, was macht Ihrer Meinung nach einen wirtschaftlich erfolgreichen Menschen aus?

TOBIAS KRÜGER: Um das zu erläutern, eignet sich gut ein Modell, das wir in der Psychologie nutzen und das sich aus zwei Säulen zusammensetzt. Demnach ist Erfolg vor allem ein Zusammenspiel aus persönlichen und situativen Faktoren. Erfolg ist also im Kern multifaktoriell bestimmt.

Was ist damit genau gemeint?

Ein situativer Aspekt ist zum Beispiel, ob man zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Trifft das nicht zu, kann trotz bester Bemühungen und Voraussetzungen ein Misserfolg eintreten, umgekehrt natürlich das genaue Gegenteil. Ich denke hier beispielsweise an diejenigen, die sich vor zehn Jahren beruflich mit KI beschäftigt haben, was sich nun natürlich auszahlt. Bei persönlichen Faktoren zählen vor allem Beständigkeit und nicht zuletzt: Selbstkontrolle. 

Das heißt, man muss jederzeit alles im Blick haben?

Nein, das ist damit nicht gemeint. Der Begriff beschreibt vielmehr die Fähigkeit, ein gestecktes Ziel zu erreichen, ohne sich durch Versuchungen oder Herausforderungen ablenken zu lassen. Diese Eigenschaft bringen erfolgreiche Menschen definitiv mit, ganz gleich ob im Arbeitsleben oder zu Hause im Privaten. Für Letzteres wäre zum Beispiel der Vorsatz, mehr Sport zu machen, zu nennen. Auch hier hilft nur Selbstkontrolle.

Bleiben wir beim wirtschaftlichen Erfolg. Was braucht es da neben Selbstkontrolle noch?

Natürlich spielt Können auch eine Rolle. Und damit ist eine andere Form gemeint als die, die es beispielsweise zur Ausübung eines Hobbys braucht. Unternehmer brauchen Weitsicht, Führungskompetenz, Entscheidungsstärke und die Fähigkeit, Unsicherheiten auszuhalten. Dabei spielen sowohl individuelle Voraussetzungen als auch Kompetenzen eine Rolle, die man im Laufe des Lebens entwickeln kann. Welchen Anteil Veranlagung und Erfahrung jeweils haben, ist wissenschaftlich bis heute Gegenstand intensiver Forschung. Motivation ist dabei zweifellos ein ganz wesentlicher Faktor, auf den wir alle einen großen Einfluss haben.

Gehen wir noch mal zurück, um zu verstehen, was es heißt, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Haben sich da die Auffassungen in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt?

Der materialistische Aspekt ist nicht mehr alleinig ausschlaggebend, auch wenn er bedeutend bleibt. Moralische Verantwortung ist heute ebenfalls ein Gradmesser, wie gut oder schlecht eine Firma geführt wird. Dazu zählen Themen wie Nachhaltigkeit oder ob man etwas für die Gesellschaft tut. Solche Fragen spielten für Unternehmen und die Bemessung ihres Erfolges beispielsweise in den 1960er-Jahren noch eine untergeordnete Rolle. Das hat sich definitiv gewandelt, und das merke ich bereits bei meinen Studenten. Deren Jobwahl erfolgt nicht mehr nur danach, wie groß ein Unternehmen ist oder welche Löhne gezahlt werden, auch moralische Aspekte beeinflussen die Entscheidung .

Prof. Dr. Tobias Krüger ist seit eineinhalb Jahren an der TH OWL in Lemgo, wo er im Bereich Markt- und Konsumentenpsychologie in Forschung und Lehre arbeitet.
Prof. Dr. Tobias Krüger ist seit eineinhalb Jahren an der TH OWL in Lemgo, wo er im Bereich Markt- und Konsumentenpsychologie in Forschung und Lehre arbeitet.

Aber wenn wir jetzt über gesellschaftliches Engagement reden, muss man dann nicht erst mal festhalten, dass Erfolg etwas Subjektives ist?

Nicht unbedingt, denn natürlich kann Erfolg, und gerade wirtschaftlicher Erfolg, weitreichende Auswirkungen haben, die über das Persönliche hinausragen. Das ist der Fall, wenn man zum Beispiel ein Unternehmen mit Angestellten führt. Subjektivität spielt aber dennoch eine Rolle. Stichwort ist hier Adaption, also Anpassung. Als Menschen passen wir uns an unsere Umstände an, wir adaptieren. Für Unternehmer bedeutet dies, dass sie sich an Erfolg gewöhnen können, wenn es gut läuft. Und dann passiert etwas Interessantes: Zwar freut man sich über das positive Ergebnis, aber das Gefühl hält nur kurz an, es wird bald wieder zur Normalität. Das funktioniert auch umgekehrt bei Misserfolgen und hilft, diese zu verdauen. Das ist ein subjektiver Faktor von Erfolg.

Bleiben wir noch mal bei den persönlichen Faktoren. Wie wichtig ist es für die menschliche Psyche und Gesundheit, erfolgreich zu sein?

Sehr wichtig. Hier ist der Begriff der Selbstwirksamkeit zu nennen, also die Überzeugung, aufgrund der eigenen Fähigkeiten Ziele erreichen und Herausforderungen bewältigen zu können. Das gelingt nicht immer, aber die Grundüberzeugung, dass man aktiv zur Erfüllung einer Aufgabe positiv beiträgt, ist wichtig. Dem steht das Konzept der erlernten Hilflosigkeit gegenüber. Die wiederholte Erfahrung, im Angesicht einer Situation oder Aufgabe hilflos zu sein und dass man in der Konsequenz keinen Einfluss auf sein Wirken hat, steht im Zusammenhang mit Depressivität. 

„Selbstkontrolle ist meiner Meinung nach absolut zentral“ Tobis Krüger

Wie kann man denn vermeiden, sich einflusslos zu fühlen?

Es ist stets die Frage bedeutend, wem man die Ursache für einen Erfolg zuschreibt. Wenn der Eindruck entsteht, dass man selbst keinen Einfluss auf den Erfolg hatte und sozusagen nur das sprichwörtliche „Glück“ geholfen hat, kann sich das schlecht auf das Selbstbewusstsein auswirken. Wichtiger ist, dass man sich klarmacht, was man selber geschafft und geleistet hat. Das schafft Selbstvertrauen und trägt zur psychischen Stabilität bei. Übrigens muss man da auch selbst ehrlich sein, wenn etwas nicht so gut lief. Eine leicht optimistische Selbstsicht ist psychologisch sogar günstig, aber das darf natürlich nicht ausarten. Denn dann macht man sich etwas vor oder agiert im schlimmsten Fall sogar narzisstisch.

Hängen Zufriedenheit und Erfolg zusammen?

Nicht zwangsläufig. Denn Zufriedenheit bedeutet noch etwas mehr. Erfolg ist zwar wichtig, aber meiner Meinung nach sind weitere Punkte wie eine Partnerschaft, Familie oder Freundschaften ebenfalls bedeutend. 

Das macht Sinn. Würden Sie denn folgender These zustimmen: Erfolg hat mit Leistung zu tun.

Ja, Leistung ist notwendig, aber nicht ausreichend. Da sind wir wieder bei „Falsche Zeit, falscher Ort“, was Leistung negieren kann. Aber es stimmt schon: Zum Erfolg gehören auch harte Arbeit und Beharrlichkeit. Man kann hier ein Zitat des Erfinders Thomas Alva Edison heranziehen, was das ganz gut verdeutlicht: „Genie ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.“

Was wären abschließend Ihre persönlichen Tipps für beruflichen Erfolg?

Die Selbstkontrolle ist meiner Meinung nach zentral. In diesem Zusammenhang sieht ein optimaler Motivationsprozess so aus, dass man sich lange folgende Fragen überlegt: Was will ich erreichen? Wie sieht mein Ziel aus? Wenn darüber Klarheit besteht, kann es in die Umsetzung gehen. Dann kommt die Selbstkontrolle ins Spiel. Nicht jeder Versuchung erliegen, nicht permanent alle Entscheidungen hinterfragen, aber bei Erreichen eines Zwischenziels durchaus überprüfen, ob man noch auf Kurs ist. So stellt sich der Erfolg ein.

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