Porta Westfalica. Im Alter von 24 Jahren wurde die Krankheit bei Schmidt diagnostiziert – die Aufklärung darüber, wie man mit der Krankheit als Betroffener umgehen könne als unzureichend zu bezeichnen – wäre noch geschönt. „Der Arzt hat mir ein Buch mitgegeben, das war noch in Sütterlin geschrieben“, erinnert sich Schmidt.

Die landesweit stattfindende Veranstaltung „Tag der Niedersachsen“ in Bückeburg markierte dann einen Wendepunkt in Schmidts Leben. An einem Infostand kam er in Kontakt mit einer Selbsthilfegruppe. Doch es dauerte noch einige Jahre, bis Schmidt sich einer anschließen konnte. „Das muss so 2002 gewesen sein“, erinnert sich Schmidt. In der Schaumburg-Lippischen Landeszeitung hatte er gelesen, dass in Bad Eilsen eine Selbsthilfegruppe gegründet werden solle.

Den Anstoß, daran teilzunehmen, gab seine Ehefrau. „Und es kam, wie es kommen musste. Einer musste ja den Gruppensprecher machen“, erzählt Schmidt. Ab 2004 leitete er Seminare in Rheuma-Patientenschulen. Nur ein Jahr später wurde er Vorsitzender des niedersächsischen Landesverbandes der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew .

Das Rüstzeug, nun landesweit als Ansprechpartner für Selbsthilfegruppen zu sein, holte er sich über die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Bückeburg. „Sie helfen vor allem dabei, Fördermittel bei Krankenkassen zu beantragen. Von dem damaligen Vorsitzenden habe ich ganz viel gelernt“, schildert Schmidt, und ergänzt: „In Hochzeiten haben wir im Landesverband in den mehr als 40 Gruppen annähernd 2.500 Betroffene unterstützt.“

Die höchste Auszeichnung für seinen Dienst an der Gesellschaft erhalten: Rüdiger Schmidt hat das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekommen. Foto: Nadine Hartmann
Die höchste Auszeichnung für seinen Dienst an der Gesellschaft erhalten: Rüdiger Schmidt hat das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekommen. Foto: Nadine Hartmann

Wie viele Menschen tatsächlich unter der rheumatischen Krankheit leiden, sei laut Schmidt aber kaum abzuschätzen. Denn: „Oft dauert es viele Jahre, bis Morbus Bechterew diagnostiziert wird. Oft fällt es einfach unter ein chronisches und nicht näher bestimmtes Schmerzsyndrom“. Deutschlandweit geht man daher von einer sich zwischen 400.000 und 500.000 bewegenden Dunkelziffer von Erkrankten – von jung bis alt, – aus. Bis zu 10 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter chronischen Rückenproblemen. Bis jedoch Morbus Bechterew diagnostiziert wird, vergehen bei Männern im Schnitt sieben Jahre, bei Frauen bis zu 13 Jahre.

War die Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit für die Krankheit und ihre Auswirkungen auf die Betroffenen gering, so traten die Betroffenen durch eine Radiosendung im Norddeutschen Rundfunk (NDR) 2007 erstmalig aus dem Schatten. „Die Interviewanfrage hat mich natürlich überrascht und mit der Resonanz hätte ich im Traum nicht gerechnet.“ Auf einen Schlag meldeten sich eine große Anzahl Hilfesuchender bei ihm und auch Rheumatologen kontaktierten ihn, suchten die Zusammenarbeit.

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Schmidt war plötzlich Sprachrohr, Organisator und Netzwerker in einem. Da erscheint es fast schon logisch, dass er ab 2010 für acht Jahre stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes wurde. Durch seine offene und natürliche Art erweiterte Schmidt das Netzwerk. „Egal, ob Politikerinnen wie Julia Klöckner oder Ursula von der Leyen oder andere bekanntere Menschen. Ich habe da keine Berührungsängste.“ Eines Tages im Jahr 2018 lernte Schmidt die aus der NDR-Fernsehsendung „ Visite “ bekannte Journalistin Vera Cordes kennen. „Als ich sie gesehen habe, habe ich sie einfach angesprochen.“ Cordes brachte Mobus Bechterew durch ihre Fernsehsendung in die Wohnzimmer – immerhin erreicht die Fernsehsendung dienstagabends mit manchen Folgen ein Millionenpublikum.

„Dass man mit so vielen Menschen zu tun hat, in einem netten Umfeld und mit einer tollen Mannschaft arbeiten darf und zudem noch spannende Bekanntschaften macht, sogar Freundschaften schließt, das motiviert schon sehr und war immer eine Freude.“ Rüdiger Schmidt

Gleiches gilt für die Medizinerin Dr. Anne Fleck, die über viele Jahre die NDR-Fernsehsendung „ Ernährungs-Docs “ moderierte und sich ab 2018 ehrenamtlich als medizinische Beraterin beim Landesverband Morbus Bechterew engagierte. Cordes und Fleck brachten sich auch regelmäßig beim 2018 von Schmidt ins Leben gerufenen Rheumasymposium ein. „Bei der Premiere haben wir in Bad Pyrmont die Konzerthalle mit 600 Teilnehmern vollgemacht“, erinnert sich Schmidt an die Strahlkraft des Events, dass viele hochkarätige Expertinnen und Experten im damaligen Steigenberger Hotel zusammenbrachte. Für den Shuttle-Service stellten die in OWL unter Autohaus Sieg firmierenden Standorte der Anders-Gruppe die nötigen Fahrzeuge.

„Gerade solche Highlights haben schlichtweg auch Spaß gemacht. Zudem schaffen wir somit natürlich viel mehr Öffentlichkeit für unser Thema. Doch es gab auch schwere Momente: Wenn Betroffene uns ihre Geschichte, ihren oft langen Leidensweg erzählten, das war meist nicht leicht.“ Rüdiger Schmidt

Auch wenn Schmidt es nicht gerne hören mag, aber durch zahlreiche Fernsehauftritte gab er der Krankheit ein Gesicht und verschaffte den Betroffenen Gehör, setzte sich gemeinsam mit vielen anderen aus Bundes- und Landesverband sowie den Selbsthilfegruppen dafür ein, dass die Medizin in der Diagnostik wichtige Fortschritte erzielen konnte. Sein unermüdlicher Einsatz mündete schließlich in der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. „Sicher ist das eine Ehre. Aber ich sehe darin keine persönliche Auszeichnung, sondern vielmehr eine Anerkennung für die Arbeit der vielen Ehrenamtlichen – vor allem vor Ort.“

Auf dem Hausboot der „Ernährungs-Docs“ stand Rüdiger Schmidt (links) mit der prominenten Medizinerin Anne Fleck (2. v. li.) vor der Kamera. Foto: pr

Im vergangenen Jahr war aber zumindest mit der Verbandsarbeit Schluss. „Nach 25 Jahren müssen jetzt einmal andere ran“, blickt Schmidt zufrieden auf ein Vierteljahrhundert im Ehrenamt zurück. Es ist also ein wenig ruhiger in Schmidts Leben geworden. Aber obwohl er eigentlich schon Rentner ist, arbeitet er weiter mit großer Freude bei der Autohaus Anders-Gruppe und disponiert die Auslieferungen der Fahrzeuge an die Kunden.

Neben seinem Engagement für die an Morbus Bechterew Erkrankten half Rüdiger Schmidt noch an vielen weiteren Stellen, organisierte Hilfstransporte nach Dresden während der verheerenden Elbe-Hochwasser oder nahm 2022 Flüchtlinge aus der Ukraine auf. Außerdem war Schmidt kommunalpolitisch aktiv – unter anderem von 2016 bis 2019 als ehrenamtlicher Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Luhden, später dann als Vorsitzender des Bauausschusses.

Infobox: Das ist Morbus Bechterew