Kreis Lippe. 120 – so viele Ausbildungsberufe gibt es allein in dem Bereich, für den die IHK Lippe zu Detmold zuständig ist. Bundesweit sind es sogar fast 330, wenn man die Handwerksberufe mitzählt. Eine Menge Möglichkeiten also, die erst einmal überblickt werden wollen. Mit dem nahenden Schulabschluss kann die große Auswahl schnell zur Qual der Wahl werden. Wer noch nicht genau weiß, wohin der berufliche Weg führen soll, kann Unterstützung bei der „Passgenauen Besetzung“ der IHK Lippe finden. Wie das funktioniert und wobei sie hilft, verrät die zuständige Mitarbeiterin Sarina Scholz im Interview.

Sarina Scholz ist seit Mai 2025 bei der IHK Lippe zu Detmold. Die 28-Jährige gebürtige Lemgoerin hat selbst über die „Passgenaue Besetzung“ ihren Ausbildungsplatz zur Kauffrau für Büromanagement bei einer lippischen Firma gefunden.

Frau Scholz, können Sie in zwei Sätze fassen, was genau Ihr Job als Ausbildungsmatcherin beinhaltet?

Sarina Scholz: Ich bringe Jugendliche und Ausbildungsbetriebe zusammen, die wirklich zueinander passen. Dabei unterstütze ich junge Menschen bei der Berufsorientierung und begleite Unternehmen bei der Suche nach geeigneten Auszubildenden.

Ausbildungsmarkt in Lippe bleibt herausfordernd

Vor einem Jahr sprachen wir über die Vielfalt von rund 120 Ausbildungsberufen in Lippe und Ihre Arbeit bei der „Passgenauen Besetzung“. Was hat sich seitdem bei den Anfragen von Unternehmen und Jugendlichen getan?

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt bleibt herausfordernd. Die Themen sind im Grunde dieselben geblieben, aber die Nachfrage ist etwas gestiegen. Immer mehr Unternehmen suchen Unterstützung bei der Gewinnung von Auszubildenden, und auch immer mehr junge Menschen wünschen sich Hilfe bei der Berufsorientierung und der Suche nach dem passenden Ausbildungsplatz.

Jugendliche starten gefühlt immer später in den Beruf, viele sind sich über ihren beruflichen Werdegang noch unsicher, gehen länger zur Schule. Können Sie das bestätigen?

Ja, den Eindruck kann ich teilweise bestätigen. Viele Jugendliche nehmen sich heute mehr Zeit für ihre Entscheidungsfindung, weil die beruflichen Möglichkeiten sehr vielfältig und die Erwartungen an die eigene Lebensplanung gestiegen sind. Das ist nicht grundsätzlich negativ, solange die Zeit genutzt wird, um praktische Erfahrungen zu sammeln und sich bewusst mit den eigenen Perspektiven auseinanderzusetzen.

Wie hoch ist der Anteil an Studienzweiflern, die auf ihre Unterstützung setzen?

Studienzweifler melden sich bei mir aktuell eher selten. Die meisten Anfragen kommen von Schülerinnen und Schülern sowie jungen Menschen, die auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind. Dennoch kann das Angebot der Passgenauen Besetzung auch für Studienzweifler sehr interessant sein, da eine Ausbildung oft neue berufliche Perspektiven eröffnet.

Sarina Scholz, Ausbildungsmatcherin bei der IHK Lippe. Foto: IHK Lippe
Sarina Scholz, Ausbildungsmatcherin bei der IHK Lippe. Foto: IHK Lippe

Worin sehen Sie deren Potenzial?

Studienzweifler bringen häufig wertvolle Erfahrungen mit. Sie haben bereits eigenständig Entscheidungen getroffen, kennen ihre Stärken oft besser und verfügen über ein höheres Maß an Selbstorganisation und Reife. Viele Unternehmen schätzen diese Eigenschaften sehr.

Führen Sie die Termine mit den Azubis oder den Unternehmen persönlich oder sind auch Videocalls möglich?

Beides ist möglich. Persönliche Gespräche sind nach wie vor besonders wertvoll, weil man sich besser kennenlernen kann. Gleichzeitig bieten Videocalls eine flexible Alternative, vor allem wenn Termine kurzfristig oder ortsunabhängig stattfinden sollen.

Welche Ausbildungsberufe in Lippe gefragt sind

Gibt es aktuell Branchen oder Berufe, die besonders stark nachgefragt werden – oder solche, die trotz guter Zukunftsaussichten kaum ein Jugendlicher auf dem Schirm hat?

Bei vielen Jugendlichen sind einige Berufe mit sehr guten Zukunftsperspektiven nach wie vor nicht ausreichend bekannt. Dazu gehören vor allem gewerblich-technische Ausbildungsberufe wie Kunststoff- und Kautschuktechnologe/-technologin, Elektroniker/-in, Zerspanungsmechaniker/-in, Konstruktionsmechaniker/-in oder auch die Fachkraft für Lagerlogistik. Auch Berufe in der Gastronomie, beispielsweise Fachmann/-frau für Restaurant- und Veranstaltungsgastronomie, Koch/Köchin oder Hotelfachmann/-frau, sowie Ausbildungsberufe im Einzelhandel stehen oft weniger im Fokus der jungen Menschen, als sie es verdient hätten.

Besonders stark nachgefragt werden dagegen weiterhin kaufmännische Berufe wie Industriekaufmann/-frau, Kaufmann/-frau für Büromanagement oder Bankkaufmann/-frau. Zudem ist in diesem Jahr das Interesse an IT-Berufen deutlich gestiegen. Vor allem die Ausbildungen zum Fachinformatiker bzw. zur Fachinformatikerin für Systemintegration oder Anwendungsentwicklung erfreuen sich großer Beliebtheit.

Sind die Schulnoten für Unternehmen noch wichtig oder sind die „Social Skills“ von größerer Bedeutung?

Noten spielen weiterhin eine Rolle, sie sind aber längst nicht mehr das einzige Entscheidungskriterium. Viele Unternehmen achten heute mindestens ebenso stark auf Motivation, Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit und Lernbereitschaft. Fachliches Wissen kann man vermitteln, die richtige Einstellung ist oft entscheidend.

Was Unternehmen bei der Suche nach Azubis beachten sollten

Welche Rolle spielen Social Media oder Online-Plattformen bei Ihrer Arbeit und der Kontaktaufnahme mit den Jugendlichen?

Social Media und digitale Plattformen sind wichtige Informationskanäle geworden. Jugendliche informieren sich dort über Berufe, Unternehmen und Karrierewege. Trotzdem zeigt unsere Erfahrung, dass die persönliche Beratung weiterhin unersetzlich ist, wenn es darum geht, die individuell passende Ausbildung zu finden.

Welchen Tipps geben Sie Unternehmen, um passgenaue Bewerber zu finden? Hilft oft der berühmte zweite Blick?

Auf jeden Fall. Unternehmen sollten nicht ausschließlich auf formale Kriterien schauen, sondern Potenziale erkennen. Nicht jeder Lebenslauf ist geradlinig, und manchmal verbirgt sich hinter einem zunächst unscheinbaren Profil genau die Fachkraft, die langfristig ins Team passt. Praktika, Probearbeitstage oder persönliche Gespräche können dabei sehr hilfreich sein.

Einige werben inzwischen mit Slogans wie „Komm einfach rein“. Ist die schriftliche Bewerbungsmappe überhaupt noch gefragt?

Die klassische Bewerbungsmappe verliert zunehmend an Bedeutung. Viele Unternehmen setzen auf vereinfachte Bewerbungsverfahren, digitale Bewerbungen oder erste Kontakte über Messen, Social Media oder kurze Online-Formulare. Dennoch bleibt ein professioneller erster Eindruck wichtig – unabhängig davon, auf welchem Weg die Bewerbung erfolgt.

Berufsorientierung sollte früher ansetzen

Was könnte aus Ihrer Sicht auf dem Weg zum passenden Match grundsätzlich vereinfacht werden?

Aus meiner Sicht sollte das Thema Berufsorientierung in den Schulen noch stärker in den Fokus rücken. Viele Jugendliche kennen nur einen kleinen Teil der Ausbildungsmöglichkeiten und entscheiden sich deshalb oft für Berufe, die ihnen bereits bekannt sind. Mehr Informationen über die Vielfalt der Ausbildungsberufe sowie frühzeitige Einblicke in Unternehmen könnten dabei helfen, Interessen und Talente besser zu entdecken und den passenden Berufsweg zu finden.

Mehr zum Thema

Die IHK Lippe unterstützt mit dem Programm „Passgenaue Besetzung und Willkommenslotsen“ Mitgliedsunternehmen und Ausbildungsplatzsuchende durch einen kostenlosen Vermittlungsservice, um den Fachkräftenachwuchs zu sichern. Gefördert wird das Projekt durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Dieses berichtet von den Herausforderungen, denen Ausbildungsbetriebe bei der Besetzung ihrer Lehrstellen begegnen: So kamen bereits 2023/2024 auf 100 Ausbildungsplätze nur 86 Bewerberinnen und Bewerber. Mehr als 13 Prozent der Ausbildungsstellen blieben bundesweit unbesetzt.

Ziel des Projekts ist es daher, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bei der Suche nach geeigneten Bewerbenden für offene Ausbildungsplätze zu beraten und zu unterstützen und ihnen neue Wege bei der Suche nach Bewerberinnen und Bewerbern aufzuzeigen. Gleichzeitig werden Ausbildungsplatzsuchende dabei unterstützt, einen passenden Ausbildungsbetrieb zu finden.

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