Minden . Es gibt diese Momente, die den Lauf der Dinge auf den Kopf stellen. Und in der Regel erkennt man erst Jahre später die Tragweite, wenn man in diesem kleinen Moment nicht „Ja“ sondern „Nein“ gesagt hätte. Einer dieser Momente in Detlev Missners Leben ereignete sich am 23. Dezember 2007.

An jenem Abend feierte der damalige Handicare-Geschäftsführer seinen Geburtstag, Detlev Missner und seine Frau Katharina mittendrin. Das Unternehmen aus Porta Westfalica produziert Treppenlifte und die Anfrage in der launigen Runde, ob er sich vorstellen könne, Treppenlifte zu vertreiben und aufzubauen, ließ Detlev Missner noch einige Tage lang grübeln.

Er sagte im März zu, ohne zu wissen, worauf er sich da eigentlich einlassen würde. Ohne zu wissen, welche Dimensionen das Geschäft 17 Jahre später – nach dem ersten Auftrag im Juni 2008 – erreichen würde. Denn inzwischen hat das Unternehmen mehr als 21.000 Treppenlifte in ganz Deutschland, den Benelux-Staaten, in Teilen von Frankreich und auch einige wenige in Nigeria aufgebaut. Mit den immer mehr werdenden Aufträgen wuchs auch die Belegschaft. Aktuell arbeiten 22 Techniker und Backoffice-Angestellte für Missner Treppenlifte in Minden. Zum Unternehmen zählen auch noch weitere in Aschaffenburg und Verl.

Trotz des Erfolgs sagt Detlev Missner: „Dass es so bunt wird, hätte ich nie erwartet. Dafür bin ich zu bodenständig. Für mich bleibt das immer mein ‚Bauchladen‘“, sagt Detlev Missner. Die Bescheidenheit hat einen einfachen Grund. Denn es ging nicht immer nach oben – Detlev Missner und die Familie haben auch schlechte Zeiten durchlebt, gibt der Unternehmer zu. „Genau am 15. September 2000 habe ich mich als Immobilienmakler selbstständig gemacht.“ Und der 1. Januar 2006 war jener Tag, der vieles ins Rollen brachte. Deutschland feierte in diesem Jahr das Sommermärchen, Missner musste wirtschaftlich kämpfen. Die Abschaffung der Eigenheimzulage legte den Immobilienmarkt in diesem Bereich lahm.

Lesen Sie auch: Missner Treppenlifte aus Minden kennt nur eine Richtung – nach oben

Detlev Missner entschied sich zwar nach einer Ausbildung zum Immobilienmakler freiwillig für den Schritt in die Selbstständigkeit, aber irgendwie war es auch erzwungen. Denn die Ausbildung zum Immobilienmakler machte Detlev Missner, weil eine chronische Krankheit es nötig machte. „Bis Mitte der 1990er Jahre habe ich als Kraftfahrer gearbeitet. Und das wirklich sehr gerne.“ Bevor er „auf den Bock“ stieg, arbeitete Detlev Missner bei der Bundeswehr als Kfz-Panzerschlosser. Nach dem Schulabschluss 1981 lernte er das, was man heute als „Anlagenmechaniker für Sanitär, Heizung- und Klimatechnik“ bezeichnet.

Und so schloss sich mit der Gründung von Missner Treppenlift irgendwie auch ein Kreis, wie Detlev Missner lachend erklärt: „Mein erster Beruf und die Arbeit heute haben beide mit Rohren zu tun.“ Außerdem half Detlev Missner seine Neugier, Dinge zu hinterfragen. „Auf den Baustellen habe ich immer geschaut, dass ich mir mehr Wissen aneigne, als nur Leitungen zu montieren.“ Ganz genau schaute er dabei den Elektrikern über die Schulter. Das sollte viele Jahre später bei der Anfrage von Handicare nicht ganz unbedeutend sein.

„Der Leihwagen hat mir immerhin die Presidents-Card bei Hertz eingebracht.“ Detlev Missner

Denn rund um das Jahr 2007 beherrschten englische Unternehmen den Treppenlift-Markt beziehungsweise den Montageservice. „Die deutschen Techniker haben Probleme mit der englischen Technik. Vielleicht kannst du dich da einarbeiten“ – so erinnert sich Detlev Missner -, hieß es vom Handicare-Geschäftsführer. Der Startschuss war somit gefallen. Zunächst auf kleiner Flamme – nämlich bis 2009 als Einzelkämpfer erst in einem kleinen Golf, dann in einem Leihwagen rauf und runter, kreuz- und quer in der Bundesrepublik. „Der Leihwagen hat mir immerhin die Presidents-Card bei Hertz eingebracht“, sagt er schmunzelnd über die Anfänge.

An diese erinnert er sich oft zurück, sogar, an den ersten installierten Treppenlift. „Den Straßennamen kenne ich noch genau“, sagt Detlev Missner über die ersten Jahre, in denen er am Anschlag und manchmal darüber hinaus arbeitete. „Irgendwann bin ich gar nicht mehr dazu gekommen, Rechnungen zu schreiben“, musste Detlev Missner grundlegend etwas verändern. Seine Frau Katharina stieg ins Unternehmen ein, lenkte aus dem Back-Office heraus fortan den Betrieb und gab dafür den geregelten Job bei einem großen Möbelhändler auf, wodurch das Unternehmen auf soliden Schienen wuchs und wuchs.

Sohn Lucius (links) und Ehefrau Katharina tragen im Unternehmen viel Verantwortung und enlasten Detlev Missner. Foto: Jörg Meier
Sohn Lucius (links) und Ehefrau Katharina tragen im Unternehmen viel Verantwortung und enlasten Detlev Missner. Foto: Jörg Meier

Bis 2014 der nächste Einschlag kam. Ein Herzinfarkt schickte Detlev Missner vorübergehend auf die Bretter. Wieder war es an der Zeit, darüber nachzudenken, wie es weitergehen solle. Aufhören kam nicht in Frage, also strukturierte man um. Und ein Techniker übernahm als Disponent. „Teilweise haben wir als Montage- und Servicedienstleister 40 Händler betreut“, erzählt Detlev Missner. Inzwischen kommt bei Missner Treppenlifte alles aus einer Hand: Beratung, Verkauf, Montage und Wartungsservice.

Die Frage nach der Unternehmensnachfolge bei Missner Treppenlifte

Doch irgendwann stellt sich wie in jedem Unternehmen die Frage: Wie soll es weitergehen? Bei Missner wurde sie nach langen Monaten des Nachdenkens mit einem Schlag beantwortet. Wieder hat es Detlev Missner gesundheitlich schwer erwischt. Gerade 60 Jahre alt geworden, wurde bei Detlev Missner eine Einblutung im Gehirn festgestellt. Als Folge des Herzinfarkts vor elf Jahren.

Gerinnungshemmende Medikamente führten dazu, dass sich im Kopf eine große Menge Blut sammelte und schnellstens raus musste. „Es hätte jeden Tag zu Ende sein können. Danke an das Johannes-Wesling-Klinikum, dass ich noch lebe“, so Detlev Missner. Als Familie verwarf man von einem Tag auf den anderen weitere Expansionspläne für das Unternehmen, brach Gespräche über den Kauf eines Treppenlifthändlers in Bayern ab – die Prioritäten liegen nun woanders.

Die womöglich wichtigste Erkenntnis der vergangenen Monate: Die Familie Missner setzt sich selbst nicht mehr unter Druck. Denn das Unternehmen wird fortbestehen, da ist sich Detlev Missner sicher. Ob es Sohn Lucius eines Tages übernehmen wird ist möglich, aber nicht besiegelt. „Die Weichen sind gestellt. Wenn er das Unternehmen nicht übernehmen möchte, ist das für uns auch vollkommen ok“, sagt Detlev Missner nach zweieinhalb Jahrzehnten des Wandels, der Rückschläge und des Wachstums gelassen.