Minden. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland bei den Gründungen im vorderen Mittelfeld. Zuletzt stieg die Zahl der Gründerinnen und Gründer laut Gründungsmonitor der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) 2025 sogar um rund ein Fünftel auf gut 690.000. Dieser positive Trend hat aber einen Schönheitsfehler.

Denn das Plus bei den Neugründungen basiert insbesondere auf Gründerinnen und Gründer, die neben dem regulären Job im Nebenerwerb gründen. Die Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen und die Handwerkskammer OWL möchten mit dem Gründertag „getUP“ Gründungswillige fördern und Wege in die Selbstständigkeit aufzeigen.

Denn die Zahlen für Gründungen im Vollerwerb blieben im Vergleich zu 2024 stabil. So mutmaßt Dirk Schumacher, der Chefvolkswirt der KfW: „Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist schwieriger geworden, auch kleine Nebenjobs sind nicht mehr leicht zu finden. Die Selbstständigkeit kann hier eine Alternative für einen Zuverdienst sein.“ Aber Gründung ist nicht gleich Gründung. Zunächst einmal geht es um die Anzahl der Unternehmen oder Selbstständigkeiten, die neu eingetragen werden. Dabei kann es sich um Freiberufler wie Werbetexter oder Coaches, gewerbliche Neugründungen, Unternehmensbeteiligungen oder Übernahmen handeln.

Vor allem bei den Übernahmen besitzt der Wirtschaftsstandort Deutschland und speziell Ostwestfalen ungemeines Potential. Zahlen der IHK Ostwestfalen zufolge, müssen bis 2033 knapp die Hälfte der Unternehmen die Nachfolge regeln, weil die Unternehmensinhaber älter als 55 Jahre sind und in den kommenden acht Jahren die Verantwortung abgeben möchten. In der Summe geht es um rund 29.000 Betriebe und die Sicherung von 181.000 Arbeitsplätzen.

Bekanntlich bilden die familiengeführten, kleinen und mittelständischen Unternehmen das Rückgrat der hiesigen Wirtschaft und machen Ostwestfalen und auch Lippe zu einem Kraftzentrum. Schon in den kommenden drei Jahren werden erfolgreiche Nachfolgeregelungen in Industrie, Dienstleistungen und Handel für OWL in einem Höchstmaß relevant, weil von den oben genannten 29.000 Unternehmerinnen und Unternehmern schon 18.600 den Rückzug aus dem Unternehmen planen. In der gesamten Bundesrepublik suchen laut KfW rund 545.000 mittelständische Unternehmen eine Nachfolgeregelung.

Philipp Gessner wurde erolgreich von Dominique Steinert beraten. Foto: Handwerkskammer OWL
Philipp Gessner wurde erolgreich von Dominique Steinert beraten. Foto: Handwerkskammer OWL

Deshalb sagt auch Dominique Steinert von der Handwerkskammer OWL: „Manchmal macht es auch Sinn, sich dahingehend beraten zu lassen, einen bestehenden Betrieb zu übernehmen.“ Die Vorteile liegen dabei auf der Hand: Eine Struktur aus Betriebstätte, Maschinen, Fuhrpark, womöglich Fachkräften und einem Kundenstamm ist vorhanden, man startet nicht bei null und kann vielleicht sogar noch auf den unbezahlbaren Erfahrungsschatz eines gestandenen Unternehmers oder einer Unternehmerin zurückgreifen. Ein weiterer Vorteil: Aufgrund der zurückliegenden Jahre und den deshalb vorliegenden Zahlen lässt sich deutlich leichter ein Business-Plan schreiben. Die aus den Vorjahren resultierenden Perspektiven machen es für die Banken einfacher, über KfW-Kredite zu entscheiden. Immerhin suchen in OWL pro Jahr rund 250 Handwerksbetriebe Nachfolger.

Lesen Sie auch: Unternehmensnachfolge anders denken – Neuauflage der Nachfolgewerkstatt findet am 24. September statt

Wirklich ganz von vorne begann Philipp Gessner mit seinem Metallbau-Unternehmen für Konstruktion und Fertigung. Er ließ sich von Steinert erfolgreich beraten und baut sich inzwischen Stück für Stück über kleinere Aufträge als ein Ein-Mann-Unternehmen einen Kundenstamm auf. Wäre Gessner nicht auf den Gründungsexperten Steinert getroffen – wer weiß, ob Gessner dann überhaupt gegründet hätte. Steinert zeigte Gessner Wege auf, wie man auch ohne Meisterbrief erfolgreich sein eigenes Handwerksunternehmen an den Start bringen kann. Gessner wird beim Gründertag in Minden im Gründertalk über seine Erfahrungen berichten.

Lesen Sie auch: Verantwortung der Sparkasse Minden-Lübbecke: Unterstützung für Gründer in schwierigen Zeiten

Mit Gessner auf der Bühne werden auch Joana Beste, Tom Lucas Döring und René Dittrich sitzen. Beste und Döring gründeten im vergangenen Jahr die swipeflow GmbH in Espelkamp. Beide waren zunächst eigenständig unterwegs, lernten sich über den Coworking Space StartMIUp kennen, arbeiteten an manchen Stellen zusammen und gründeten nun gemeinsam die GmbH. Swipeflow konzipiert für seine Kunden – vom kleinen Handwerks- oder Dienstleistungsbetrieb bis zum weltweit agierenden Industrie-Mittelständler -, vor allem Social-Media-Kampagnen zur Personalrekrutierung.

Zunächst gründeten beide im Nebenerwerb neben der Ausbildung bei einem Espelkamper IT-Dienstleister, wussten aber beide, dass sie rasch nach der Ausbildung den Schritt in die Vollerwerbs-Selbstständigkeit wagen möchten. „In jungen Jahren, verliert man nicht so viel, falls es nicht klappen sollte. Zur Not zieht man eben wieder bei den Eltern ein“, blickt Beste auf die ersten Jahre und eine gewisse Unbekümmertheit zurück. Die ist insbesondere bei der Suche nach Kunden von Vorteil. Denn vor allem in der Anfangsphase sei „vor allem die Preisfindung schwer“, berichtet Döring im Vorgespräch in der Mindener IHK-Zweigstelle.

Lesen Sie auch: Gründungsnetzwerk Ostwestfalen um pro Wirtschaft Gütersloh erweitert

Sehr viel älter war René Dittrich, als er sich vor nicht allzu langer Zeit als Mietkoch selbstständig machte. Den Sprung bereut er keinesfalls, es läuft gut für ihn. „Ich bin bis Jahresende ausgebucht“, erzählt der gelernte Koch, der nach der Weiterbildung zum Küchenmeister bis hinauf in die Sterne-Gastronomie kochte und vor seiner Selbständigkeit in der Lebensmittelindustrie als Prozessmanager tätig war. Darüber entstanden auch die Kontakte zu Lebensmittelproduzenten und großen Caterern, von denen er nun für Großveranstaltungen – beispielsweise Messen -, engagiert wird.

Lesen Sie auch: Mentoring-Service: 25 Jahre Unterstützung für Gründer in Ostwestfalen

Eine echte Expertin auf dem Gebiet der Gründungen ist Justine Lexy von der IHK Ostwestfalen. Sie wird den Gründer-Talk am 24. April moderieren und hat gemeinsam mit der Handwerkskammer einen 360-Grad-Informationstag organisiert. „65 Prozent der Gründungen geschehen im Dienstleistungssektor“, berichtet Lexy und betont, dass Gründerinnen und Gründer sich unbedingt beraten lassen sollten. Insbesondere wegen der möglichen Förderungen, die in der Anfangszeit möglich sind und die erst einmal eine gewisse soziale Absicherung bieten. „Das beginnt alleine schon mit der Fragestellung: Wie beantrage ich einen Gründerzuschuss“, erklärt Lexy. Das ist aber nur einer von vielen Aspekten, die es in der Gründungsphase zu beachten gilt.

Das bietet der Gründertag „getUp“ in Minden

Auf der kostenlosen Veranstaltung in Minden können Gründungs-Interessierte nicht nur viele Gleichgesinnte kennenlernen und sich gegebenenfalls schon miteinander vernetzen, sondern sich über viele wichtige Aspekte des Gründens informieren. Ein essenzieller neben der sozialen Absicherung ist der steuerliche. Der Verzicht auf eine fachliche Begleitung führt in vielen Fällen zu Problemen mit dem Finanzamt und unangenehmen Folgen. Deshalb informiert die Portaner Steuerberaterin Liane Klar über das Thema Steuern. Über Finanzierungsmöglichkeiten informiert der Förderberater Christian Hoischen von der NRW.Bank. Den Gründungszuschuss der Agentur für Arbeit stellt deren Teamleiter Arbeitsvermittlung in Minden, Andreas Giesbrecht, vor. Und Stefan Lamottke und Nick Giesbrecht von der Mindener Werbeagentur com.on sprechen über das richtige Marketing.

Der Gründungstag „get UP!“ findet am 24. April ab 10 Uhr im StartMiUP am Simeonscarree 2 in Minden statt. Anmeldungen sind über die Internetseite der IHK unter www.ostwestfalen.ihk.de möglich; die Teilnahme ist kostenlos.