Bielefeld. Der Klimawandel und die zunehmende Ressourcenknappheit stellen bedeutende Herausforderungen für die Gesellschaft dar, wobei die Photovoltaik (PV) eine Schlüsselrolle in der Energiewende spielt.

Über eine mögliche zirkuläre Nutzung von PV-Modulen forscht Katharina Schnatmann an der Hochschule Bielefeld (HSBI): „Bislang stehen beim Design von PV-Modulen kreislaufschließende Prozesse, wie die Reparatur und das Recycling, in der Regel noch nicht im Fokus.“ Im Gegenteil: Die Photovoltaik-Industrie ist durch lineare Wirtschaftsstrukturen, energieintensive Produktion, Downcycling und geringe Nachhaltigkeit geprägt. Einen Ansatzpunkt für nachhaltige Technologien bietet die zirkuläre Wertschöpfung oder Circular Economy mit ihren Prinzipien des zirkulären Designs. An dieser Stelle will Katharina Schnatmann mit ihrem Forschungsprojekt ansetzen.

In Experteninterviews mit Recyclingunternehmen konnte sie spezifische Herausforderungen im Moduldesign identifizieren, darunter schwer lösbare Verbindungen und der Einsatz giftiger Materialien. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen wurden Handlungsempfehlungen für ein nachhaltiges Design abgeleitet. Die Ergebnisse zeigen, dass kreislauffähige Alternativen existieren. Prof. Dr.-Ing. Dr. Eva Schwenzfeier-Hellkamp, Leiterin des Institut für Technische Energie-Systeme (ITES), weist auf einen rechtlichen Aspekt hin: „Angesichts der sich weiterentwickelnden EU-Ökodesign-Anforderungen wird das Design kreislauffähiger Produkte immer wichtiger. Die Arbeit von Katharina Schnatmann legt daher das Fundament für weiterführende Untersuchungen in diesem Bereich.“

Im Bachelor erste Einblicke in die Forschung bekommen

Bereits in ihrem Bachelorstudium der Regenerativen Energien begeisterte sich Katharina Schnatmann für die Forschung am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik: Dort lernte sie das ITES kennen. „2020 bin ich mit einer Untersuchung von cradle-to-cradle zertifizierten PV-Modulen im Rahmen eines Bachelorprojektes das erste Mal mit dem Thema in Berührung gekommen.“ Cradle-to-cradle (kurz: C2C), also von der Wiege zur Wiege, ist ein Ansatz für eine zirkuläre Wertschöpfung, der Abfall eliminiert, indem Produkte so designt werden, dass sie nach der Nutzung vollständig in biologische oder technische Kreisläufe zurückfließen. „Ich habe mich mit kristallinen PV-Modulen beschäftigt und geschaut, wie nachhaltig die nach dem cradle-to-cradle-Prinzip zertifizierten Module wirklich sind“, erklärt Katharina Schnatmann.

Auch zertifizierte Module haben nicht viel mit Circular Economy zu tun

Die Erkenntnisse aus dem Projekt: Selbst die C2C-zertifizierten Module haben im Grunde nicht viel mit einer Circular Economy zu tun. Schnatmann erklärt: „Es findet auch bei diesen Modulen primär Downcycling statt. Das heißt, die ursprünglichen Materialien werden zu minderwertigeren weiterverarbeitet. Die Qualität und Eigenschaften des Ausgangsmaterials gehen dabei verloren. Echte Kreislaufprozesse in der Nutzung, wie Reparatur und strukturierte Wiederverwendung, spielen keine große Rolle. Zudem ist die Modulherstellung sehr ressourcenintensiv.“

Diese Ausgangssituation war für sie der Aufhänger für viele weitere Arbeiten, darunter eine erste Untersuchung von Second-Life-Modulen im Rahmen der Masterarbeit. Second-Life bedeutet, gebrauchten Modulen ein zweites Leben zu schenken. Geeignete Module werden im Idealfall gesäubert, professionell geprüft und rezertifiziert sowie im Anschluss wieder verkauft und installiert.

Zirkuläre Design-Ansätze stehen im Fokus

Aus all den Arbeiten ist inzwischen ihr Promotionsthema gewachsen, welches sie seit Januar 2025 offiziell am Promotionskolleg NRW bearbeitet: „Entwicklung von zirkulären Design-Ansätzen für kristalline Photovoltaikmodule auf Grundlage einer integrativen Potenzialanalyse der R-Prinzipien.“

Die R-Prinzipien sind Leitlinien der Circular Economy, die den Ressourcenverbrauch minimieren und Abfälle durch gezielte Maßnahmen über den gesamten Produktlebenszyklus vermeiden sollen. Sie reichen von „Refuse“ (Vermeidung) über „Reduce“ (Reduzierung) bis hin zu „Recycle“ (stoffliche Verwertung). Das Ziel ist eine nachhaltige zirkuläre Wertschöpfung.

Das Projekt gliedert sich in zwei Arbeitspakete: Im ersten Schritt analysiert Schnatmann aktuelle Designs und leitet Handlungsempfehlungen für ein neues Produktdesign ab. Im zweiten Arbeitspaket ist das Ziel, basierend auf diesen Empfehlungen ein kleines modulares Modul zu bauen und zu testen. Die Umsetzung erfolgt schrittweise – mit 3D-Druck entstehen erste Ansätze, und die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Reiling Glas Recycling soll Kontinuität geben.

Im Modultester simuliert ein LED-Flasher das Sonnenlicht. So kann die Leistung eines Moduls schnell beurteilt werden. Darüber hinaus kann das Gerät Defekte und Alterungsvorgänge analysieren, die Dioden prüfen, die elektrische Sicherheit checken und Zelldefekte visualisieren. Foto: P. Pollmeier / HSBI
Im Modultester simuliert ein LED-Flasher das Sonnenlicht. So kann die Leistung eines Moduls schnell beurteilt werden. Darüber hinaus kann das Gerät Defekte und Alterungsvorgänge analysieren, die Dioden prüfen, die elektrische Sicherheit checken und Zelldefekte visualisieren. Foto: P. Pollmeier / HSBI

Großgerät: Ein neuer PV-Modultester soll Modulprototyp evaluieren

Ein neues Großgerät, welches das ITES bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingeworben hat, spielt im Kontext von Schnatmanns Arbeit eine große Rolle: Der PV-Modultester. „Das ist ein Prüfgerät, mit dem elektrische Kennlinien unter Laborbedingungen aufgezeichnet werden können. Ein LED-Flasher simuliert das Sonnenlicht. So kann die Leistung eines Moduls schnell beurteilt werden. Darüber hinaus kann das Gerät Defekte und Alterungsvorgänge analysieren, die Dioden prüfen, die elektrische Sicherheit checken und Zelldefekte visualisieren.“

Der Tester prüft aktuell Alt- bzw. Bestandsmodule auf ihr Wiederverwendungspotenzial. Ziel ist, zum Abschluss der Arbeit den zirkulären Modulprototyp mit dem Prüfgerät zu evaluieren. Beim Bau des Prototyps wird Katharina Schnatmann maßgeblich von Arne Petring unterstützt, der ebenfalls Regenerative Energien studiert.