Ostwestfalen. Die Fachkräftesicherung bleibt eine der zentralen Aufgaben für Unternehmen in Ostwestfalen und Nordrhein-Westfalen. Mit Petra Pigerl-Radtke übernimmt nun eine Vertreterin der ostwestfälischen Wirtschaft eine wichtige Rolle in der Landespolitik zur beruflichen Bildung.

Die Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen (IHK) ist zur Co-Vorsitzenden des Landesausschusses für Berufsbildung NRW (LABB) auf Arbeitgeberseite gewählt worden. Die Wahl erfolgte bei der konstituierenden Sitzung der neuen, 15. Amtsperiode. Die Arbeitnehmerseite wird von Sonja Kawlath vom DGB-Bezirk NRW vertreten.

Damit steht Pigerl-Radtke künftig an der Spitze eines Gremiums, das für die Entwicklung der beruflichen Bildung in Nordrhein-Westfalen eine wichtige Schnittstellenfunktion hat. Der Landesausschuss berät die Landesregierung in Fragen der Berufsbildung und kann Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Ausbildung und zur Verbesserung der Ausbildungsangebote aussprechen.

Mehr als 50 Stimmen aus Wirtschaft, Arbeitnehmerseite und Staat

Der Landesausschuss ist breit aufgestellt. Ihm gehören in Nordrhein-Westfalen mehr als 50 Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitgeber, der Arbeitnehmer sowie Behörden an. Die drei Gruppen sind nach dem Berufsbildungsgesetz grundsätzlich gleich stark vertreten. Die Tätigkeit ist ehrenamtlich.

Diese Zusammensetzung soll einen möglichst breiten Blick auf die berufliche Bildung ermöglichen. Arbeitgeber bringen die Perspektive der Unternehmen ein, Gewerkschaften die Interessen der Beschäftigten und Auszubildenden, die öffentliche Hand unter anderem die schulische und behördliche Perspektive.

Dass dabei unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen, ist ausdrücklich Teil des Systems. Der Landesausschuss berät die für Bildung zuständige Landesregierung und bringt die verschiedenen Akteure aus dem Bereich Bildung zusammen.

Auch bekannte Akteure aus der nordrhein-westfälischen Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik sind in diesem Umfeld präsent. In der bisherigen 14. Amtsperiode gehörte etwa Sonja Kawlath bereits dem Landesausschuss an. Die öffentlich zugängliche Mitgliederliste weist zudem Vertreterinnen und Vertreter von Gewerkschaften wie IG Metall, IGBCE, ver.di und GEW sowie aus Arbeitgeber- und Kammerorganisationen aus.

Duale Ausbildung als Antwort auf den Fachkräftemangel

Für die Wirtschaft ist das Thema extrem relevant. Der Fachkräftemangel trifft auch Ostwestfalen mit voller Wucht. Nach dem IHK-Fachkräftemonitor könnten in der Region bis 2035 bis zu 65.000 Stellen unbesetzt bleiben . Gleichzeitig erreichen in den kommenden Jahren rund 230.000 Beschäftigte in OWL das Rentenalter. Besonders groß ist der zusätzliche Bedarf bei beruflich qualifizierten Fachkräften – also bei Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung.

Damit rückt die duale Ausbildung noch stärker in den Mittelpunkt der Fachkräftesicherung . Sie verbindet betriebliche Praxis mit schulischer Ausbildung und ermöglicht Unternehmen, Fachkräfte gezielt für den eigenen Bedarf zu entwickeln.

Der Nachwuchs wird dringend benötigt, damit Unternehmen wie der Maschinenbauer Kannegiesser aus Vlotho, wettbewerbsfähig bleiben. Foto: Kannegiesser
Der Nachwuchs wird dringend benötigt, damit Unternehmen wie der Maschinenbauer Kannegiesser aus Vlotho, wettbewerbsfähig bleiben. Foto: Kannegiesser

„Die duale Ausbildung bleibt der Schlüssel, um junge Menschen für berufliche Perspektiven zu qualifizieren und Unternehmen mit den Fachkräften von morgen zu versorgen“, sagt Petra Pigerl-Radtke. Entscheidend sei deshalb der konstruktive Dialog aller Akteure im Landesausschuss.

Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes zeigt allerdings, dass der Hebel nicht automatisch wirkt. In NRW ist die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen zuletzt im vierten Jahr in Folge zurückgegangen. Gleichzeitig stieg die Zahl der jungen Menschen, die sich für eine Ausbildung interessieren. Ende Mai 2026 waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit noch mehr als 56.000 junge Menschen in Nordrhein-Westfalen auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz .

Für Unternehmen entsteht damit ein paradoxes Bild: Fachkräfte werden dringend benötigt, gleichzeitig bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt oder werden angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit gar nicht erst angeboten.

Berufsorientierung wird zum entscheidenden Bindeglied

Eine zentrale Aufgabe liegt deshalb bereits vor dem eigentlichen Ausbildungsvertrag. Jugendliche müssen Ausbildungsberufe kennenlernen und Unternehmen müssen frühzeitig mit potenziellen Nachwuchskräften in Kontakt kommen.

Auch in Ostwestfalen setzt die IHK deshalb auf eine stärkere und praxisnähere Berufsorientierung . In einem Austausch mit dem NRW-Arbeitsministerium hatte Pigerl-Radtke bereits 2025 für einen früheren Kontakt zwischen Jugendlichen und Unternehmen geworben. Je früher junge Menschen Berufe erleben, desto besser könnten Betriebe Nachwuchs gewinnen, so ihre Position.

Das Land setzt mit Programmen wie „Ausbildungswege NRW“ ebenfalls auf diesen Ansatz. Das Programm ist Bestandteil der Fachkräfteoffensive NRW und soll junge Menschen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz sowie Unternehmen bei der Besetzung ihrer Ausbildungsstellen unterstützen.

Wie oft wechseln die Mitglieder des Landesausschusses?

Die Mitglieder des LABB werden nicht jährlich ausgetauscht. Das Berufsbildungsgesetz sieht eine Amtszeit von längstens vier Jahren vor. Die Arbeitgebervertreter werden auf Vorschlag der auf Landesebene bestehenden Zusammenschlüsse von Kammern, Arbeitgeber- und Unternehmerverbänden berufen. Für die Arbeitnehmerseite kommen die Vorschläge von Gewerkschaften und entsprechenden Arbeitnehmervereinigungen. Die Berufung erfolgt durch die Landesregierung beziehungsweise die zuständige oberste Landesbehörde.

Die IHK Ostwestfalen engagiert sich sehr stark beim Thema Ausbildung. Unter anderem gemeinsam mit der Handwerkskammer OWL veranstaltet die IHK in den ihren Bezirken Minden-Lübbecke, Herford, Bieleeld, Gütersloh, Paderborn das erolgreiche Format Azubi-Speed-Dating. Hier kommen Schüler direkt mit ausbildenden Unternehmen niederschwellig in Kontakt. Foto: IHK Ostwestfalen
Die IHK Ostwestfalen engagiert sich sehr stark beim Thema Ausbildung. Unter anderem gemeinsam mit der Handwerkskammer OWL veranstaltet die IHK in den ihren Bezirken Minden-Lübbecke, Herford, Bieleeld, Gütersloh, Paderborn das erolgreiche Format Azubi-Speed-Dating. Hier kommen Schüler direkt mit ausbildenden Unternehmen niederschwellig in Kontakt. Foto: IHK Ostwestfalen

Ein automatischer Wechsel einzelner Personen nach einem festen Rotationsprinzip ist damit nicht vorgesehen. Nach Ablauf einer Amtsperiode werden die Sitze neu besetzt; eine erneute Berufung ist grundsätzlich möglich. Auch während einer Amtsperiode können Mitglieder aus wichtigem Grund ausscheiden.

Anders sieht es beim Vorsitz aus: Das Gesetz schreibt vor, dass Vorsitz und Stellvertretung nicht derselben Mitgliedergruppe angehören sollen. Damit ist die Beteiligung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern auch an der Spitze des Gremiums angelegt. Die konkrete Ausgestaltung der Wahl und Amtsdauer des Vorsitzes ergibt sich aus der Geschäftsordnung des jeweiligen Ausschusses.

Karl-Josef Laumann setzt Signal bei konstituierender Sitzung

Ein politisches Signal setzte der Besuch von NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann bei der konstituierenden Sitzung. Laumann beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Fachkräftesicherung und der beruflichen Bildung in Nordrhein-Westfalen.

Beim Spitzengespräch des Ausbildungskonsenses NRW im April 2026 hatten Ministerpräsident Hendrik Wüst sowie mehrere Mitglieder der Landesregierung die Bedeutung der beruflichen Bildung für Wirtschaft und Gesellschaft hervorgehoben. Die Partner des Ausbildungskonsenses appellierten dabei an die Unternehmen, ihr Ausbildungsengagement trotz der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen fortzusetzen.

Für Pigerl-Radtke beginnt damit eine vierjährige Amtsperiode mit einer klaren wirtschaftspolitischen Aufgabe: Die duale Ausbildung soll attraktiv bleiben, Unternehmen sollen ihren Nachwuchs gewinnen können – und junge Menschen sollen bessere Chancen auf einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben erhalten.

Gerade für eine Wirtschaftsregion wie Ostwestfalen ist das mehr als Bildungspolitik. Es geht um die Frage, ob die Unternehmen auch in zehn Jahren noch über ausreichend qualifizierte Fachkräfte verfügen.

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