Bielefeld. Auf die Hauptuntersuchung freut sich niemand. Irgendwann fährt man hin. Im besten Fall klebt danach die Plakette. Genauso reden Unternehmen über den AI Act der EU.

„Schon wieder Brüssel, schon wieder Regeln, die es nicht braucht, und während wir Formulare sortieren, zischen andere auf der Innovationsspur an uns vorbei“, heißt es aus den Unternehmen. Denn im Kern ist der AI Act tatsächlich wie eine TÜV-Hauptuntersuchung: Ihn interessiert nicht, wie schnell dein Wagen ist, sondern was passiert, wenn er nicht bremst oder der Verbandskasten gammelt.

Bestimmte KI-Praktiken sind darin seit 2025 verboten und seither sollst du als Verantwortlicher im Unternehmen dafür sorgen, dass deine Leute wissen, wie sie gut und legal mit KI arbeiten. Seit dem 2. August 2026 muss dein Kunde in aller Regel erkennen können, ob er mit einer Maschine schreibt oder mit Frau Bergmann aus dem Vertrieb.

Manche Regelung gilt grundlegend, andere nur für hochgetunte Systeme: Wer KI in der Personalauswahl einsetzt, in der Kreditwürdigkeit oder im Bildungsbereich, rutscht in die schwerste Pflichtenklasse – Risikomanagement, technische Dokumentation, Konformitätsbewertung usw.

Und ob du in der Anbieterrolle oder Betreiberrolle bist, entscheidet über die verbundenen Verpflichtungen. Eine reine Nutzendenrolle gibt es nicht mal. Brüssel hat einige Regeln im Juli 2026 auf Dezember 2027 und z.T. sogar 2028 fristverlängert — aber Aufschub ist kein Freibrief. Genau wie die Karenzzeit, wenn die TÜV-Plakette zur HU mahnt. „Europa habe sich damit selbst ausgebremst!“ – really? Die TÜV-Plakette beantwortet vor allem die Frage: Hält dein Auto auch bei Regen und Glätte am Schulweg zur Grundschule sicher an?

1887 verlangten die Briten, dass Importware ihre Herkunft nennt. „Made in Germany“ war ein Warnschild: Nachahmerware, billig, Finger weg. Später ist daraus ein Gütesiegel geworden — nicht durch Werbung, sondern weil hinter dem Etikett tatsächlich Qualität stand.

Was ist also das eigentliche Ärgernis?

Geprüfte, dokumentierte, gekennzeichnete KI ist keine Fessel, sie ist eine Auszeichnung. Wer dem Kunden damit etwa sagen kann, welches KI-Modell mitarbeitet und wer wann dafür wie geradesteht, gewinnt an Qualitätsanmutung – wegen des AI Acts, nicht trotz seiner. Ärgerlich ist nicht die Regulierung hin zu verlässlichen, datenschutzkonformen und transparenten KI-Praktiken, sondern dass Brüssel den Prüfkatalog mehrfach überarbeitet hat. Verlässlichkeit verlangen und selbst die Fristen rücken, das passt nicht.

Und du? Geh in die Werkstatt, bevor der Brief kommt: Schreib erstmal auf, welche KI-Werkzeuge bei euch laufen, samt der Abos und dem, was zwar nicht klar geregelt ist, aber doch im Einsatz ist. Mache sichtbar, wo ggf. eine KI heute schon antwortet. Qualifiziere Deine Mitarbeitenden für den Umgang mit KI – und auch dafür, wann sie ihr nicht glauben dürfen. Die Bundesnetzagentur begleitet Dich dabei mit einem Service-Desk . Und für den persönlichen TÜV-Check gibt es Leute, die das mit Dir zusammen bearbeiten. Im AI Act Umfeld hat einer davon sogar einen Bärenpelz.

Also TÜV-Termin vorbereiten, Plakette erhalten und sicher weiterfahren. Bärenwort und Bärentatze darauf.

Hinweis: Trotz sorgfältiger Recherche — Bärentatzen haften nicht, und diese Kolumne ist keine Rechtsberatung. Sie beruht auf umfassender Erfahrung in der Schulung und Beratung von Unternehmen und auf aktuellen, redundant geprüften Quellen.


Über Klaus Jansen

  • Klaus Jansen versteht sich weniger als klassischer IT- oder KI-Spezialist, sondern als Vermittler zwischen Technologie, Menschen und Organisationen – mit einem starken Fokus darauf, neue Technologien verständlich zu machen und deren sinnvollen Einsatz in der Arbeitswelt praktisch zu gestalten.
  • Unter anderem arbeitete er bei der OWL GmbH und im Umfeld des Technologienetzwerks it’s OWL. Seit 2022 ist er als Innovationsmanager beim ThinkTankOWL, dem gemeinsamen Transferservice der Hochschule Bielefeld und der Universität Bielefeld, sowie bei BRIC tätig.
  • Seit 2024 tritt er zusätzlich unter der Marke „Transferbär“ selbstständig auf. Sein Schwerpunkt liegt heute insbesondere auf Künstlicher Intelligenz, KI-Kompetenz und AI-Act-Compliance, Führung und Entscheidungskompetenz, Personalentwicklung sowie dem generationenübergreifenden Arbeiten.
  • Klaus Jansen wird in einer regelmäßigen Kolumne aktuelle Themen und Herausforderungen der Wirtschaft in OWL aus einem etwas anderen Blickwinkel unter die Lupe nehmen.

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