OWL. Der Ruhestand ist eine persönliche Zäsur – und zugleich eine wirtschaftliche Herausforderung. Während Beschäftigte sich darauf einstellen müssen, dass mit dem Ende des Berufslebens auch Routinen, Aufgaben und soziale Kontakte wegfallen, stehen Unternehmen vor einer anderen Frage: Was passiert, wenn erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausscheiden und mit ihnen jahrzehntelanges Wissen?

In Ostwestfalen-Lippe treffen dabei mehrere Entwicklungen aufeinander. Eine große Generation erreicht das Rentenalter, der Fachkräftemangel bleibt für viele Unternehmen eine Herausforderung und auch die Frage der Unternehmensnachfolge gewinnt an Bedeutung. Der Übergang in den Ruhestand ist deshalb längst nicht mehr nur ein privates Thema.

Ruhestand beginnt nicht erst am letzten Arbeitstag

Für viele Menschen markiert der Ruhestand ein lang herbeigesehntes Ziel. Endlich mehr Zeit für Familie, Reisen, Hobbys oder Dinge, die während des Berufslebens zu kurz gekommen sind. Bei anderen hingegen löst das Ende der der Berufstätigkeit dagegen Unsicherheit aus. Denn mit dem letzten Arbeitstag verändert sich mehr als der Kalender. Der Beruf verleiht dem Alltag Struktur, schafft Kontakte und vermittelt vielen Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden.

Wie wichtig eine frühzeitige Vorbereitung ist, weiß Coach und Gesundheitscoach Rainer Harpin. Er beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand und bietet dazu Workshops an. In seinem Interview erklärt Harpin, warum ein finanzieller Kassensturz ebenso wichtig ist wie Gespräche mit der Familie – und weshalb auch die Frage nach neuen Aufgaben und sozialen Kontakten nicht auf die lange Bank geschoben werden sollte .

Eine Generation geht in den Ruhestand

Was für den Einzelnen ein persönlicher Übergang ist, hat auch eine volkswirtschaftliche Dimension. Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer erreichen nach und nach das Rentenalter . Für die Unternehmen in OWL bedeutet das einen erheblichen personellen Umbruch. Es geht dabei nicht allein darum, offene Stellen neu zu besetzen. Mit den ausscheidenden Beschäftigten droht auch das über Jahrzehnte angeeignete Wissen verloren zu gehen. Ohne einen vernünftig strukturierten und mit einer ausreichend geplanten Zeit des Übergangs lässt sich dieses Wissen nicht ohne Weiteres ersetzen.

Besonders deutlich wird das bei kleinen und mittleren Unternehmen. Wenn erfahrene Mitarbeiter oder Führungskräfte gehen, müssen Nachfolger gefunden, Wissen übertragen und Verantwortlichkeiten neu verteilt werden. Wie stark der bevorstehende Generationenwechsel die Wirtschaft in Ostwestfalen verändert, zeigt der Blick auf die Unternehmenslandschaft der Region.

Wenn Erfahrung auf dem Arbeitsmarkt fehlt

Der Ruhestand der Babyboomer fällt zudem in eine Zeit, in der viele Unternehmen ohnehin Schwierigkeiten haben, geeignete Fachkräfte zu finden . Der demografische Wandel verschärft damit ein Problem, das zahlreiche Branchen bereits heute beschäftigt. Für Unternehmen stellt sich deshalb zunehmend die Frage, wie sie ältere Beschäftigte länger im Arbeitsleben halten können – und wie sich deren Erfahrung an jüngere Generationen weitergeben lässt.

Auch der regionale Arbeitsmarkt steht vor diesem Wandel. Die Bundesagentur für Arbeit hat bereits auf die Auswirkungen hingewiesen, die das Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge für die Fachkräftesituation haben kann.

Dabei geht es nicht zwangsläufig darum, den Ruhestand möglichst weit nach hinten zu verschieben. Entscheidend ist vielmehr, welche Möglichkeiten Unternehmen und Beschäftigte finden, um Übergänge flexibler zu gestalten. Teilzeitmodelle, gleitende Übergänge oder eine schrittweise Reduzierung der Arbeitszeit können dabei ebenso eine Rolle spielen wie die gezielte Weitergabe von Wissen.

Rente ist mehr als die Frage nach dem Zeitpunkt

Wann gehe ich in Rente? Und wie viel Geld steht mir dann zur Verfügung? Diese Fragen gehören für viele Beschäftigte zu den wichtigsten Punkten der Ruhestandsplanung. Die Diskussion um die Rentenreform zeigt zugleich, dass der Übergang in den Ruhestand nicht allein eine private Angelegenheit ist. Veränderungen beim Renteneintritt, bei Beiträgen oder bei der Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung haben Auswirkungen auf Beschäftigte und Arbeitgeber. Wer sich auf den Ruhestand vorbereitet, sollte deshalb nicht erst kurz vor dem geplanten Rentenbeginn mit der finanziellen Planung anfangen. Dazu gehört auch, die eigene Altersvorsorge zu überprüfen und mögliche Szenarien für die kommenden Jahre durchzuspielen.

Besonders wichtig: die Unternehmensnachfolge

Für Unternehmerinnen und Unternehmer stellt sich beim Übergang in den Ruhestand eine zusätzliche Frage: Wer führt das Unternehmen weiter? Gerade in OWL stehen zahlreiche Familienunternehmen und mittelständische Betriebe vor einem Generationenwechsel . Eine Nachfolge lässt sich dabei nicht von heute auf morgen organisieren.

Neben rechtlichen und finanziellen Fragen geht es auch um Vertrauen, Verantwortung und die Weitergabe von Erfahrungswissen. Eine frühzeitige Planung kann deshalb entscheidend dafür sein, ob der Übergang reibungslos funktioniert. Dass solche Prozesse längst in Gang sind, zeigen Beispiele aus der regionalen Wirtschaft .

Der Ruhestand braucht einen eigenen Plan

Bei aller wirtschaftlichen Bedeutung darf die persönliche Seite nicht aus dem Blick geraten. Wer jahrzehntelang gearbeitet hat, muss sich plötzlich mit einer großen Menge freier Zeit auseinandersetzen. Für manche ist das eine Befreiung. Für andere entsteht daraus ein Gefühl der Leere. Rainer Harpin empfiehlt deshalb, sich nicht erst am letzten Arbeitstag Gedanken darüber zu machen, wie das Leben danach aussehen soll. Gleichzeitig müsse niemand unmittelbar nach dem Ausscheiden aus dem Beruf einen vollständig durchgeplanten Terminkalender haben.

Eine Auszeit könne sinnvoll sein, sagt Harpin. Danach gehe es darum, herauszufinden, welche Aktivitäten, Aufgaben und Kontakte dem eigenen Leben Struktur geben. Das können ein Ehrenamt, Sport, Reisen, die Familie oder ein neues Projekt sein. Entscheidend ist nicht, möglichst viel zu unternehmen. Entscheidend ist, einen Alltag zu entwickeln, der zu den eigenen Vorstellungen passt.

Ruhestand ist auch ein wirtschaftliches Thema

Der Übergang in den Ruhestand verbindet damit zwei Perspektiven: die persönliche und die wirtschaftliche. Für Beschäftigte geht es um die Frage, wie sie den neuen Lebensabschnitt gestalten und finanziell absichern. Für Unternehmen geht es um Fachkräfte, Wissenstransfer, Nachfolge und die Frage, wie Erfahrung im Betrieb gehalten werden kann. Insbesondere in einer Region wie OWL, die stark vom Mittelstand geprägt ist, hängen beide Entwicklungen eng zusammen.

Der Ruhestand der Babyboomer wird deshalb nicht nur die Lebensplanung vieler Menschen verändern. Er wird auch die Arbeitswelt und die Unternehmen in Ostwestfalen weiter beschäftigen. Wer sich frühzeitig mit dem Übergang auseinandersetzt, kann dabei auf beiden Seiten mehr Gestaltungsspielraum gewinnen – als Beschäftigter ebenso wie als Arbeitgeber.