Detmold. Knapper werdende Rohstoffe, fragile Lieferketten, Klimawandel und zunehmende Umweltverschmutzung – der Druck auf Unternehmen wächst. Ein Ansatz verspricht Abhilfe: zirkuläre Wertschöpfung. Denn was wäre, wenn Abfall kein Ende, sondern ein Anfang wäre?

Dieser Idee hat sich Weidmüller schon vor einigen Jahren verschrieben. Mittlerweile ist zirkuläre Wertschöpfung fester Bestandteil der Firmenphilosophie und durchdringt alle Bereiche des Unternehmens.

Was ist zirkuläre Wertschöpfung?

Die einfache, aber überzeugende Idee hinter der zirkulären Wertschöpfung: Abfälle landen nicht auf der Deponie, sondern werden wieder zu neuen Rohstoffen und Ressourcen. Dafür müssen Produkte, Produktionsprozesse und Geschäftsmodelle so gestaltet werden, dass Ressourcen möglichst lange und ohne Verlust in Kreisläufen geführt werden können.

„Zirkuläre Wertschöpfung hat mich schon immer fasziniert. Sie ist einfach und löst so viele unserer Probleme – Abfall, Emissionen, Mikroplastik, Ressourcenverbrauch, Unabhängigkeit und Resilienz oder ethische Probleme beim Abbau von Erzen“, erklärt Mark Edler, Head of Corporate Sustainability bei Weidmüller.

Wertschöpfung und Ressourcenverbrauch werden entkoppelt

Bisher habe die Menschheit jahrtausendelang linear gewirtschaftet, nach dem sogenannten „Take-Make-Waste“-Prinzip: Rohstoffe werden entnommen, zu Produkten verarbeitet, genutzt – und am Ende landen sie als Abfall auf der Deponie oder werden verbrannt und bleiben als Emission in der Atmosphäre zurück.

Dieses Modell, bei dem Materialien linear in nur eine Richtung durch die Wertschöpfungskette fließen, war lange Zeit effizient und kostengünstig, stößt heute jedoch angesichts knapper werdender Ressourcen, Umweltbelastungen und zusätzlichen Kosten für die Entsorgung an seine Grenzen.

Hier setzt zirkuläres Wirtschaften an: Wertschöpfung und Ressourcenverbrauch werden entkoppelt. Aus der Linie mit Endpunkt wird ein quasi unendlicher Kreislauf, in dem Wertschöpfung nicht mehr an Ressourcenverbrauch gekoppelt ist. Gebrauchte Produkte werden nicht zu Abfall, sondern zur Ressource, aus der Neues entsteht. Das klingt zunächst einfach – ist aber ein komplexes Unterfangen und bedeutet eine große Herausforderung. „Die lineare Wertschöpfung ist unser Erbe, wir sind linear geprägt!“, betont Mark Edler.

 

Aus Kunststoff-Granulat werden verschiedene Bauteile u.a. für den Schaltschrankbau produziert. Weidmüller verwendet hier verstärkt auch Recycling-Material. Foto: Weidmüller
Aus Kunststoff-Granulat werden verschiedene Bauteile u.a. für den Schaltschrankbau produziert. Weidmüller verwendet hier verstärkt auch Recycling-Material. Foto: Weidmüller

Weidmüller stellt sich der Herausforderung

Weidmüller stellt sich dieser Herausforderung und setzt bewusst auf Kreislaufwirtschaft. Das bedeutet, interne Prozesse müssen so gestaltet werden, dass Produkte und Materialien möglichst lange im Umlauf bleiben. Hier verfolgt man bei Weidmüller zwei grundlegende Ansätze: die Wiederverwertung von Produktionsresten (Post Industrial) und die Rückführung und Aufbereitung gebrauchter Produkte aus dem Markt (Post Consumer).

Post Industrial: Kreisläufe in der Produktion schließen

Beim Post-Industrial Recycling werden Abfälle aus der Produktion sortenrein gesammelt und wiederverwertet. Bei Weidmüller sind das vor allem Metall- und Kunststoffreste etwa aus der Produktion von Reihenklemmen oder Steckverbindern für den Schaltschrankbau. Dank gleicher Symbole an Maschinen und den Abfallsammelbehältern gelingt das saubere sortenreine Trennen mittlerweile einwandfrei.

Endwinkel aus 100 Prozent recyceltem Kunststoff

Die Kunststoffreste werden geschreddert, zu neuem Granulat verarbeitet und fließen so wieder in die Produktion. Ein gutes Beispiel sind die Klippon® Connect-Endwinkel, die mittlerweile auch aus 100 Prozent recyceltem Kunststoff erhältlich sind. Solche Endwinkel sind ein unverzichtbares Bauteil in allen Arten von Schaltschränken – egal ob in Verbindung mit Reihenklemmen oder anderen Bauteilen – denn sie garantieren den sicheren Sitz der Komponenten auf einer Tragschiene.

Keine Einbußen in der Qualität

Der Klippon® Connect-Endwinkel ist ein Produkt, das in einem Schaltschrank verbaut wird und zu 100 Prozent aus Regranulat besteht. Da der Kunststoffabfall aus der Fertigung zwar sortenrein, nicht aber farbrein gesammelt wird – das wäre zu aufwendig – wird das Recyclat schwarz eingefärbt, um einen einheitlichen Look zu bekommen. Und das Beste: „Die Endwinkel aus recyceltem Kunststoff sind qualitativ absolut gleichwertig zu den nicht-recycelten“, betont Mark Edler.

Klippon® Connect-Endwinkel sind mittlerweile auch aus 100 Prozent recyceltem Kunststoff erhältlich – bei gleicher Qualität. Foto: Weidmüller

Zwar ist das Sammeln und Wiederverwerten bei Kunststoff nicht unendlich wiederholbar, da das Material bei jedem Recycling altert. Dennoch lässt sich der Kunststoff zwei- bis dreimal problemlos wiederverwenden. „Weidmüller-Produkte verbleiben durchschnittlich 25 Jahre in einem Schaltschrank. Somit werden dann auch die recycelten Varianten erst nach dieser Zeit wieder zu uns zurückkommen. Bis dahin werden wir viele weitere Probleme gelöst haben und beim Recycling noch deutlich weiter sein als heute. Und wir werden zu anderen Verfahren kommen, mit denen wir Materialien noch besser aufbereiten können“, ist sich Edler sicher.

Erhebliche Einsparungen durch Recycling

Beim Metall ist es einfacher, denn das Material altert nicht, lässt sich beliebig oft wieder einschmelzen. Weidmüller sammelt heute rund 30 verschiedene Metall-Legierungen aus der Produktion, unter anderem Kupfer, sortenrein und gibt sie an seine Zulieferer zurück.

Durch das Post-Industrial-Recycling spart das Unternehmen einen erheblichen Teil an Ressourcen und Kosten ein und verursacht 80 Prozent weniger an CO2-Emissionen.

Post-Consumer: Produkte im Kreislauf halten

Noch anspruchsvoller ist das Post-Consumer-Recycling. Dabei geht es darum, dass Produkte am Ende ihres Lebenszyklus nicht auf dem Müll landen, sondern zurück in den Kreislauf kommen und als wertvolle Ressource zurückkehren. Doch wie kommt man an Post-Consumer-Material? Weidmüller verkauft seine Produkte in der Regel nicht an Endkunden, sondern z.B. an Firmen, die Schaltschränke bauen. Wo eine Reihenklemme von Weidmüller also zum Einsatz kommt, ist mitunter nicht bekannt.

Potenziell unendliche Ressourcen

Eine Rückhol-Logistik für die eigenen Produkte wäre damit extrem kompliziert und teuer in der Umsetzung. Daher entwickelt und erforscht Weidmüller daher auch alternative Rücknahmelösungen, um Materialien aus gebrauchten Produkten wieder in den Kreislauf zu bringen. „Wenn das klappt, haben wir potenziell nahezu unendliche Ressourcen“, bringt Edler die revolutionäre Idee dahinter auf den Punkt.

Neue Wege in der Wiederaufbereitung

Eine Lösung: Weidmüller wendet sich direkt an Entsorger, Abwrackunternehmen und Recycler, und bietet ihnen eine – finanziell bessere – Alternative zur Verwertung. „Dazu müssen wir bei diesen Dienstleistern bekannt sein und sie müssen wissen, dass sie bei uns bessere Margen kriegen“, erklärt Mark Edler. Dazu forscht Weidmüller auch an Optionen, wie man schnell und zuverlässig den Materialwert für so einen Schallschrank ermitteln kann: Mit Hilfe einer App können Abwracker und Entsorger in Zukunft dann ein Foto eines Schaltschranks machen und bekommen sofort ein Angebot.

Die Wiederaufbereitung kann dann bei Weidmüller selbst stattfinden, bei der Zerlegung eines Schaltschranks helfen Roboter. Die erkennen vollautomatisch auch das jeweilige Recycling- oder Refurbishment-Potenzial des vorhandenen Materials. Dabei helfen künftig QR-Codes auf den Weidmüller-Produkten, über die Informationen abgerufen werden können. So werden Materialien getrennt, ohne dass es Verunreinigungen in den einzelnen Materialströmen gibt.

Zirkuläre Wertschöpfung beginnt schon vor der Produktion

Der größte Hebel für eine langfristig erfolgreiche zirkuläre Wertschöpfung steckt in den Produkten selbst. Dafür muss man sie von Anfang an so gestalten, dass der Kreislauf mitgeplant wird. Dann können schon in der Produktion Überschüsse an Material minimiert bzw. einfach wiederverwendet werden. „Wir wissen heute schon vorher, wie viel Abfall anfällt, und der ist potenzieller Rohstoff“, sagt Mark Edler.

Weidmüller forciert die Verlängerung von Produktlebenszyklen im Projekt „GoProZero“

Daher setzt Weidmüller gezielt auf die Reparierbarkeit neuer Produkte, entwickelt neue modulare Systeme, bei denen auch nur einzelne Komponenten ausgetauscht werden können. Jedes neue Produkt wird so geplant, dass zirkuläre Wertschöpfung möglich ist. Es durchläuft im Entwicklungsprozess einen sogenannten Eco-Design-Workshop, bei dem von vornherein Rezyklierbarkeit und Wiederverwendbarkeit mitgedacht werden – von der ersten Idee über die Entwicklung bis zur Fertigung. Daran sieht man, dass es um Teamleistung geht: Alle Bereiche des Unternehmens sind involviert, von der Produktentwicklung über die Fertigung bis hin zu Vertrieb, Qualitätssicherung und Marketing.

Gut Ding will Weile haben: Transformatorischer Prozess

Die Umstellung auf zirkuläre Wertschöpfung geht nicht von heute auf morgen. Damit sie gelingt, braucht es Zeit, und es sind viele Schritte bis zum Ziel. „Wer für einen Marathon trainiert, läuft auch nicht sofort 42,5 Kilometer am Stück, sondern fängt mit kleineren Etappen an und steigert sich“, erklärt Mark Edler. Man kann nicht sofort alles auf Kreislauf umstellen, sondern sich Schritt für Schritt verbessern.

Weidmüller bleibt in Sachen Nachhaltigkeit Spitze

Dann stellt sich der Erfolg ein und man landet mit seinem Ansatz nicht im berüchtigten „Tal der toten Pilotprojekte“. „Wir gehen bewusst diesen transformatorischen Weg, nehmen die Leute mit, verändern unsere Prozesse, sind innovativ – dieser Pioniergeist hat Weidmüller schon immer ausgezeichnet“, betont Edler.