Minden/Kreis Lippe. Die beiden Geschäftsmänner sprechen über die Bedeutung des Ostergeschäfts für die lokale Wirtschaft und beleuchten aktuelle Herausforderungen, veränderte Einkaufsgewohnheiten und wie der Handel eine Atmosphäre schaffen kann, um Kunden zu begeistern.

Wie bewerten Sie die Stimmung der Einzelhändler in den Innenstädten derzeit?

Ahrens: Die Monate Januar und Februar haben mit viel Schnee und Eis dem Innenstadthandel nicht gutgetan. Wir haben in Minden einen hohen Anteil an auswärtigen Besuchern. Wenn bei jedem auch nur leichtem Schneefall im Radio der oft übertriebene Tenor ist – es könnte glatt sein, bleiben Sie zu Hause – das ist überhaupt nicht hilfreich. Oft waren die Straßen frei, aber die Geschäfte blieben leer. Im März lief es dagegen wieder deutlich besser. 

Wie wichtig ist da das Ostergeschäft für den Einzelhandel in OWL?

Schmidt: Insgesamt hat Ostern für den Handel einen klaren, aber begrenzten wirtschaftlichen Stellenwert. Es ist ein wichtiger saisonaler Konsumanlass, aber deutlich kleiner als das Weihnachtsgeschäft.

Ahrens: Das Ostergeschäft prägt vor allem Geschäfte mit Süßwaren, Parfümerie, Spielwaren und Geschenkartikeln. Insgesamt sind die Wochen um Ostern durch die erhöhte Frequenz für alle Geschäfte sehr bedeutend.

Schmidt: Die Osterzeit ist vor allem ein Impulsgeber für die Wirtschaft.

Ein Impulsgeber?

Schmidt: Ja! Mit Ostern beginnt ja auch die Frühlingszeit, und das ist auch wichtig für die Innenstädte, weil diese Vitalität wieder durchkommt: Das Wetter ist schön, man trifft sich wieder draußen im Café, die Städte sind belebter. Man merkt bei den Menschen, dass sie wieder Spaß und Lust haben, rauszugehen, sich in der Stadt zu treffen. Und sie halten sich dort auch länger auf, und das ist allgemein für den Konsum gut.

Wie sehr wirken sich andere Konsum-Events wie z.B. der Valentinstag auf das Ostergeschäft aus? Gibt es Verschiebungen oder ist es einfach ein Extrageschäft? Gerade zum Valentinstag rechnet der Handel ja bundesweit mit einen Umsatz von rund 1 Milliarde Euro?

Ahrens: Der Valentinstag ist sicher speziell für Blumen und Parfümerie ein bedeutendes Event, in der Stadtfrequenz bemerkt man ihn nicht unbedingt.

Schmidt: Es sind vor allem Anlässe wie Halloween oder insbesondere auch Black Friday. Die verteilen die saisonalen Umsatzimpulse generell stärker über das Jahr und sorgen für Verschiebungen. Das merken wir auch schon beim Weihnachtsgeschäft. Diese Anlässe sind wichtig, aber grundsätzlich ist die Kauflaune nicht an große Feste oder Events gebunden. Da spielt eher die allgemeine Stimmung im Land eine Rolle.

Der Apotheker Christian Schmidt ist lippisches Vorstandsmitglied im Handelsverband OWL und Vizepräsident der IHK Lippe. Foto: Tom Fluegge
Der Apotheker Christian Schmidt ist lippisches Vorstandsmitglied im Handelsverband OWL und Vizepräsident der IHK Lippe. Foto: Tom Fluegge

Die ist ja angesichts weltweiter Krisen, Kriege und Rezession eher getrübt. Was erwartet die Branche von 2026?

Ahrens: Vor dem Iran-Krieg lag die Branchenerwartung bei plus zwei Prozent, im Moment ist der Ausblick eher verhaltener. Wenn sich diese Krise schnell löst, wäre das noch erreichbar, sonst eher nicht.

Schmidt: Der Krieg im Nahen Osten bereitet uns in der Tat wirtschaftlich einige Sorgen. Anfangs ging es nur um das Thema Öl, aber nachgelagert betrifft es ja weitere Industriezweige. Nehmen wir zum Beispiel mal die Düngemittel, die da herkommen. Das ist ein Problem für die Agrarwirtschaft, auch bei uns. Von daher geht’s hier ans Eingemachte. Das sieht man natürlich auch im Handel mit Sorge. Denn wenn die Produkte des Alltags deutlich teurer werden, wird das Portemonnaie der Konsumenten ja nicht größer.

Ahrens: Wenn durch die Inflation und damit stark gestiegenen Preise im Lebensmittelhandel weniger Budget übrig bleibt, trifft das gerade die Geschäfte in den Innenstädten. Generell wirkt eine Verunsicherung, wie jetzt mit dem Iran-Krieg, dämpfend auf die Kaufstimmung. Es bleibt zu hoffen, dass diese Krise bald ein Ende findet.

Blicken wir genauer auf den lokalen Einzelhandel. Der braucht attraktive Innenstädte. Was macht eine Innenstadt attraktiv?

Schmidt: Man braucht einen guten Mix aus inhabergeführtem Einzelhandel mit eigenen Ideen und Zielen und den großen Filialisten, die ein gewisses Sortiment abdecken und für eine Basisfrequenz zu sorgen – das macht eine Stadt bunt. Zum guten Mix gehört aber auch die Vielfalt im kulturellen und im gastronomischen Bereich. Ebenso wichtig ist eine gute Erreichbarkeit der Innenstadt: sowohl durch den öffentlichen Nahverkehr als auch mit dem Auto. Dafür braucht es ausreichend und sinnvoll gelegene Parkmöglichkeiten, etwa in Form von Parkhäusern.

Es geht also nicht nur um das reine Angebot, sondern um das Einkaufserlebnis als Gesamtpaket?

Schmidt: Genau. Eine Stadt ist immer ein sozialer Treffpunkt, wo Leute zusammenkommen, und darum ist gerade auch Aufenthaltsqualität ganz wichtig. Das müssen Städte hochhalten und pflegen. Je mehr Leben in der Innenstadt ist, desto attraktiver ist sie.

Inwiefern helfen große Veranstaltungen in der Innenstadt dem Einzelhandel? Manche bringen ja nicht unmittelbar Umsatz, haben aber eine gewisse Strahlkraft.

Ahrens: Events und Erlebnismöglichkeiten in der Innenstadt werden immer wichtiger. Sie ziehen viele Besucher in die Stadt. Der Einzelhandel profitiert natürlich von den Veranstaltungen. Umgekehrt nutzen Veranstaltungen gerne auch die Grundfrequenz einer lebendigen Innenstadt. Ich bin mir sicher, eine Gourmetmeile wieder im Kern der Mindener Innenstadt wäre für beide Seiten ein Gewinn.

Schmidt: Die Städte und der Handel profitieren durchaus. Das muss auch nicht immer im direkten Zusammenhang mit Veranstaltungen stehen, manchmal finden die ja auch nach Geschäftsschluss statt. Aber es kommen Leute in die Stadt, und die Stadt wird wahrgenommen. Das macht sie attraktiv, denn man sieht: Da passiert etwas! Deswegen müssen Stadt- und Stadtmarketing und Werbegemeinschaften immer schauen, dass sie solche Sachen gemeinsam aufbauen, um attraktive Punkte zu setzen im Veranstaltungskalender.

Was wünscht sich der Handel von der Politik?

Ahrens: Lokal würde ich mir mehr als nur Lippenbekenntnisse wünschen. Für den Handel ist die Erreichbarkeit mit dem Pkw extrem wichtig. Es mag richtig sein, in Minden den Bereich Schlagde als Erlebnisraum zu gestalten. Ob dazu alle 354 Parkplätze wegfallen müssten, darüber kann man unterschiedlicher Auffassung sein. Dann aber zeitgleich das Parkhaus Marienwall mit 180 Parkplätzen zu schließen – das ist vor allem für die untere Bäckerstraße extrem gefährlich. Schon länger andauernde Baustellen vor Geschäften verursachen oft Schließungen – der Wegfall von über 500 Parkplätzen auf einmal wird nicht folgenlos bleiben. Wünschenswert wäre, wenn sich die Bundespolitik auf die Verbesserung der gegenwärtigen Lebensbedingungen der Mehrheit der Bevölkerung konzentrieren würde.

Schmidt: Auf lokaler Ebene ist es wichtig, dass die Kommunen Kontakt aufnehmen zu ihrem Einzelhandel über die IHKs, über den Handelsverband, über die lokalen Werbegemeinschaften. Wir brauchen den Austausch, das ist die Basis. Zudem muss eine Kommune ihre Innenstadt als wichtigen Ort ansehen, in die dortige Infrastruktur investieren, die Aufenthaltsqualität verbessern und die Erreichbarkeit des Zentrums im Blick behalten. Die Kommunen müssen von Bund und Land mit den finanziellen Rahmenbedingungen ausgestattet werden, um entsprechende Maßnahmen umsetzen zu können.

Und abgesehen vom Finanziellen?

Schmidt: Die Bürokratie ist natürlich für den Handel lähmend und auch ein Frusttreiber. Alle reden seit Jahren von Entbürokratisierung. Gefühlt wird es aber immer mehr. Natürlich brauchen wir Regeln. Aber vielleicht müssen wir auch wieder lernen, dass der Bürger auch mal etwas in Eigenverantwortung macht. Wir brauchen dringend eine gewisse Entfesselung, davon profitieren wir alle. Denn wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es auch dem Handel gut.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Schmidt: Nehmen wir die Stadtfeste. Da hoffe ich, dass wir Lockerungen bekommen, was das Bundesimmissionsschutzgesetz angeht. In einer Innenstadt ist immer mehr Leben, sind mehr Geräusche. Man kann nicht erwarten, im Stadtzentrum zu wohnen und dieselben Rahmenbedingungen zu haben, wie am Waldesrand. Wenn man sagt, um 22 Uhr ist Ruhe, dann heißt das für Gastronomen, sie müssen um halb zehn spätestens aufhören, weil sie aufräumen müssen. Und dann heißt es: „Die klappen hier die Bürgersteige hoch.“ Aber das machen die Gastronomen nicht aus freien Stücken. Da dürften gerne ein paar Erleichterungen kommen, weil wir sonst vieles unterbinden. Wenn eine Stadt ein sozialer Treffpunkt sein soll, dann braucht sie auch die Möglichkeit, dass Leute im Sommer und abends ein bisschen länger draußen sind.

Jürgen Ahrens ist überzeugt davon, dass der lokale Einzelhandel auch im Internetzeitalter eine Zukunft hat. Ahrens ist geschäftsführender Gesellschafter des Modehaus Hagemeyer und Vorsitzender im Ortsverein des Einzelhandelsverbandes OWL. Fotorechte: privat
Jürgen Ahrens ist überzeugt davon, dass der lokale Einzelhandel auch im Internetzeitalter eine Zukunft hat. Ahrens ist geschäftsführender Gesellschafter des Modehaus Hagemeyer und Vorsitzender im Ortsverein des Einzelhandelsverbandes OWL. Fotorechte: privat

Wie steht es mit dem wachsenden Internethandel? Geht das sehr zu Lasten des stationären Einzelhandels?

Ahrens: Laut HDE ist der Onlinehandel um 3,9 Prozent im Jahr 2025 gewachsen, der gesamte Handel insgesamt um drei Prozent. Im Jahr davor waren es 3,8 Prozent im Onlinehandel und 2,2 Prozent insgesamt. Da sind die Verschiebungen also nicht mehr so groß.

Macht es aus Ihrer Sicht Sinn, wenn lokale Händler einen eigenen Onlineshop betreiben, um Kaufkraft in der Stadt zu halten? Oder sind die großen Plattformen oder die eigenen Online-Shops der Produzenten zu mächtig?

Ahrens: Für lokale Einzelhändler ist es wichtig, für ihren Kunden auch online erreichbar zu sein und Service anzubieten. Ein eigener Onlineshop mag bei sehr spezialisierten Sortimenten hilfreich sein, um ein größeres Publikum zu bekommen. Für normale Einzelhandelsgeschäfte ist das eher kein Weg. Die Kosten, um wirklich gut zu sein und gerade auch, um überhaupt gefunden zu werden, sind extrem hoch. Ich kenne gute Einzelhändler mit dreistelligen Millionen-Umsätzen, die die Hälfte ihrer Umsätze online machen. Aber immer noch keinen Ertrag damit erwirtschaften. Kundenbindung vor Ort – das ist unsere Stärke. Darauf gilt es sich zu fokussieren.

Schmidt: Das stimmt. Auch in Lippe schauen die Händler, ob und wo sie online präsent sein können. Das ist aber ehrlicherweise nicht für jeden immer so einfach und für den einen oder anderen schon eine Herausforderung. Was man beobachten kann, ist, dass die Händler insgesamt digitaler werden. Online hat natürlich immer eine Bedeutung zur Ergänzung des lokalen Angebots. Wenn ich hier nicht alles kaufen kann, bestelle ich es. Insofern ist der Handel immer gut beraten, wenn er auch diesen Kreis bedient und Angebote schafft.

Das Interview führten die mmm-Redakteure Andreas Barnekow und Christian Bendig .