Bad Salzuflen. Während viele Gleichaltrige im Hörsaal sitzen, erklimmt Milva Nunez Arias die Stufen zum Führerhaus ihres 540-PS-E-Lkw. Hinterm Lenkrad des 19-Tonners, mit dem sie bereits eigenständig Waren von Bad Salzuflen in die Republik transportiert, ist die Auszubildende des Logistikdienstleisters Dachser in ihrem Element. Ausbildung statt Abitur, Brummi statt Uni – ein eher ungewöhnlicher Weg. Und eine Ausbildung, für die sich aktuell nur wenig junge Menschen entscheiden: Berufskraftfahrer (BKF) sind mittlerweile Mangelware.

Lkw gehören zum gewohnten Bild auf unseren Straßen. Rund 80 Prozent aller Waren in Deutschland werden laut Logistik-Verband auf der Straße transportiert. Ohne „Brummis“ würde unser Alltag schnell spürbar anders aussehen: Supermärkte wären leer, Baustellen kämen zum Erliegen, Fabriken könnten nicht mehr produzieren.

Doch angesichts folgender Zahlen erscheint dieses Szenario gar nicht so abwegig: Etwa 30.000 bis 35.000 Berufskraftfahrer gehen jedes Jahr in Rente, doch nur etwa die Hälfte der Stellen kann nachbesetzt werden. Schätzungen zufolge fehlen in Deutschland bereits bis zu 120.000 Fahrer. Der eklatante Nachwuchsmangel ist in der Branche seit Jahren ein Thema. „Dachser hat das Problem erkannt – und mit einer eigenen Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive reagiert“, erklärt Hans-Jürgen Westerhoff, Operations Manager European Logistics am Dachser-Standort in Bad Salzuflen.

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Wie in der Branche üblich, stellen selbstständige Transportunternehmer – die Servicepartner – auch an der Niederlassung in Bad Salzuflen den Großteil der blau-gelben Dachser-Flotte. Rund 150 Fahrzeuge sind hier meist doppelschichtig unterwegs. Dafür sorgen etwa 250 Fahrer, die für Dachser im Einsatz sind. „Hätten wir diese Fahrer nicht, stünden unsere Lkw still“, betont Westerhoff. „Die meisten unserer Servicepartner können ein so komplexes Thema wie Ausbildung aber allein gar nicht stemmen.“ Daher hat das weltweit agierende Logistikunternehmen entsprechende Strukturen aufgebaut, bildet seit 2012 unter dem Dach der Dachser Driver and Truck Fleet Services GmbH (DTS) an fast allen deutschsprachigen Standorten selbst gezielt Fahrernachwuchs aus und investiert zugleich in Fahrerbindung und Imagepflege.

Dachser gewinnt 100 BKF-Azubis pro Jahr

Mittlerweile beginnen jährlich rund 100 junge Menschen die Ausbildung zur Berufskraftfahrerin oder zum -fahrer bei Dachser – damit zählt der Logistiker nach eigenen Angaben zu den größten Ausbildern der Branche.  In Bad Salzuflen sind es aktuell 15 Azubis. Mit Milva Nunez Arias ist auch eine junge Frau darunter – noch immer keine Selbstverständlichkeit in der Branche. „Auch mein Vater und Stiefvater sind Lkw gefahren. Daher dachte ich, ich schaue mir das einfach mal an. Ich habe mich beworben, und Dachser wollte mich haben“, erklärt sie.

In den Fußstapfen von Vater und Stiefvater: Dachser-Auszubildende Milva Nunez Arias fühlt sich auf dem Fahrersitz des neuen E-Lkw pudelwohl. Foto: Christina Pfrommer

Beruf hat sich gewandelt

Milva Nunez Arias ließ sich bei der Berufswahl nicht von gängigen Vorurteilen schrecken. „Leider halten sich immer noch überholte Vorstellungen vom Beruf des Lkw-Fahrers“, bedauert Westerhoff. Tagelang allein, wenig zu Hause, duschen in der Raststätte, schlafen im Fahrzeug – so stellen sich viele Menschen den Alltag eines „Truckers“ vor. „Dabei ist der Beruf deutlich attraktiver geworden. Dachser-Fahrer haben geregelte Arbeitszeiten, eine reguläre 40-Stunden-Woche und werden nach Tarif bezahlt. Ihr Arbeitstag ist durchaus vergleichbar mit dem der Lager- oder Büroarbeiter und lässt sich auch mit einem Familienleben vereinbaren“, erklärt der Operations Manager.

Bewerber sollten neben dem Hauptschulabschluss ein freundliches Auftreten , Motivation und Zuverlässigkeit mitbringen. Mit Ende 16 können Kraftfahrer-Azubis in die Führerscheinausbildung starten, mit 17 dürfen sie zu Ausbildungszwecken bereits alleine fahren. Marcel Jansen, der sich als Fuhrparkleiter um die Belange der Fahrer und Fahrerinnen kümmert, berichtet: „Zum Üben haben wir extra einen 3,5-Tonner angeschafft.“ Darin lernen die Auszubildenden, mit der komplexen Technik umzugehen und etwa die Hebebühne unfallfrei zu bedienen.

„Wir legen Wert auf intensive Betreuung in der Ausbildung. Das unterscheidet uns von vergleichbaren Mitbewerbern“, ist Westerhoff überzeugt. Und die Zukunftsaussichten? „Unsere Azubis bekommen in der Lehrzeit viele gute Kontakte. Nahezu 100 Prozent finden im Anschluss direkt einen Job.“

Fahrerfluktuation reduzieren

Aber nicht nur den Azubis gilt das Augenmerk. Es geht es auch darum, qualifizierte Fahrer langfristig ans Unternehmen zu binden, denn die Fluktuation ist in der Branche traditionell hoch. Wertschätzung ist eine der Säulen, auf die Dachser baut, um die Identifikation mit dem Arbeitgeber zu steigern. Fahrer sollen besser integriert, wieder mehr als Kollegen anstatt als Dienstleister gesehen werden. „Da muss was in den Köpfen der Leute passieren“, macht Hans-Jürgen Westerhoff deutlich.

Der zweite Baustein ist die Prozessoptimierung. Alle Themen, die Fahrer mit dem Unternehmen haben, werden bearbeitet, um Abläufe zu vereinfachen, Wartezeiten zu minimieren und Reibungspunkte zu entfernen. „Unsere Fahrer wollen einfach nur fahren.“

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Auch kleine Gesten spielen eine Rolle, weiß Marcel Jansen: eine Aufmerksamkeit zum Geburtstag, der Frühstücksgutschein oder „unser regelmäßiges Fahrergrillen, bei dem sich die Fahrer austauschen können. Das kommt sehr gut an“. Besonders innovativ ist das Sprachcafé, bei dem zugewanderte Mitarbeiter in lockerem Rahmen gemeinsam Deutsch üben können. All das fördert Motivation und Zusammenhalt.

Dachser-Branding: Auf den Straßen in OWL trifft man oft auf die typischen gelb-blauen LKW des Logistikdienstleisters. Foto: Christina Pfrommer
Dachser-Branding: Auf den Straßen in OWL trifft man oft auf die typischen gelb-blauen LKW des Logistikdienstleisters. Foto: Christina Pfrommer

Autonome Systeme sind (noch) keine Lösung

Durch autonom fahrende Lkw lässt sich das Problem des Berufskraftfahrermangels auf absehbare Zeit nicht lösen. Auch wenn der zunehmende Fahrermangel durchaus die Entwicklung autonomer Technologien vorantreibt, werden Berufskraftfahrer nach Einschätzung der Branche noch auf lange Sicht unverzichtbar bleiben – nicht zuletzt, weil ihr Aufgabenfeld weit über das reine Fahren hinausgeht, von der Ladungssicherung bis zur Abwicklung vor Ort. „Hinterm Steuer zu sitzen“, so Hans-Jürgen Westerhoff, „ist der kleinste Teil der Arbeit.“

Milva Nunez Arias hat ihre berufliche Zukunft bereits gewählt. Für die Logistik bleibt die Hoffnung, dass viele ihrem Beispiel folgen. Denn während zahlreiche Berufskraftfahrer in den Ruhestand gehen, hängt die Zukunft der Branche auch davon ab, ob sich genügend junge Menschen für den Beruf entscheiden.