OWL. Lena Müller weiß ziemlich genau: Es soll einmal ins Handwerk gehen. Aber eben noch nicht genau, in welchen Beruf konkret. Genau deshalb arbeitet sie derzeit bei Fahnenschmidt Heizung und Sanitär in Verl. Nach dem Abitur wollte sie sich nicht einfach so für einen Berufsweg entscheiden. Sie probiert lieber aus, was zu ihr passt – wo Interesse und Talent am besten zusammenkommen.

Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik ist ihre erste Station. Danach sollen Holzhandwerk und Metallbau folgen. Müller ist eine Teilnehmerin des Freiwilligen HandwerksjahrPLUS (FHJ+), das die Handwerkskammer OWL seit 2025 als Pilotprojekt anbietet. Bis zu vier Handwerksberufe können junge Menschen innerhalb eines Jahres kennenlernen. Es geht dabei nicht um einen kurzen Schnuppertag, sondern – wie der Name schon sagt – um mehrere Monate echtes Anpacken. Für die Betriebe bedeutet das umgekehrt: Sie bekommen die Gelegenheit, potenzielle Auszubildende über einen längeren Zeitraum kennenzulernen.

Beim Besuch der Bundestagsabgeordneten Dr. Wiebke Esdar bei Fahnenschmidt in Verl wurde deutlich, worum es beim FHJ+ im Kern geht: Berufsorientierung soll nicht nur auf dem Papier stattfinden. Junge Menschen sollen erleben, wie sich ein Beruf anfühlt, welche Aufgaben dazugehören und ob sie sich in einem Betrieb wiederfinden.

„Für uns ist wichtig, dass Lena nicht nur zuschaut, sondern den Beruf wirklich kennenlernt – mit seinen praktischen und theoretischen Seiten“, sagt Betriebsinhaber Martin Fahnenschmidt. Gleichzeitig könne auch der Betrieb die Teilnehmerin kennenlernen. „Genau das ist eine gute Grundlage, wenn am Ende vielleicht eine Ausbildung daraus wird.“

Ein Jahr Zeit für die Berufsentscheidung

Das Prinzip des Freiwilligen Handwerksjahres ist einfach: Statt sich unmittelbar nach der Schule für einen Ausbildungsberuf entscheiden zu müssen, bekommen junge Menschen in bis zu vier unterschiedlichen Berufen jeweils drei Monate Zeit, sich auszuprobieren. Die Handwerkskammer OWL berät sowohl interessierte Betriebe wie auch interessierte junge Menschen .

Entstanden ist das Konzept in Schleswig-Holstein. Die Handwerkskammer Lübeck startete dort bereits im Sommer 2024 ein entsprechendes Projekt . Wie das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in seiner Fachzeitschrift „Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis“ berichtet, hatten sich dort innerhalb der ersten 15 Monate rund 220 Betriebe für das FHJ vormerken lassen. Von 204 Bewerberinnen und Bewerbern hatten zu diesem Zeitpunkt bereits 84 ihr Freiwilliges Handwerksjahr begonnen.

Die Idee dahinter: Berufsorientierung soll näher an die Realität rücken. Viele junge Menschen kennen einzelne Berufe vor allem aus Erzählungen oder kurzen Schulpraktika. Drei Monate im Betrieb vermitteln dagegen einen realistischen Eindruck. Arbeitsabläufe, Kollegen, Kundenkontakt, Werkzeuge und körperliche Anforderungen gehören ebenso dazu wie die Frage, ob die eigenen Interessen und Fähigkeiten tatsächlich zum Beruf passen.

Für die jungen Menschen gibt es dafür in OWL auch eine finanzielle Anerkennung. Einem WDR-Bericht zufolge erhalten Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei Vollzeit monatlich 450 Euro Aufwandsentschädigung. Das macht das FHJ+ zugleich zu einer Alternative zu anderen Orientierungs- und Freiwilligenangeboten nach der Schule. Beim Freiwilligen Sozialen Jahr werden mindestens 390 Euro gezahlt. Die Obergrenze liegt für 2026 bei 676 Euro.

In OWL kommt zum praktischen Teil des Handwerksjahres das sogenannte „PLUS“ hinzu. Workshops, Coachings und Seminare sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei Berufsorientierung und Persönlichkeitsentwicklung unterstützen. Damit geht es nicht nur um die Frage, welcher Beruf gefällt, sondern auch darum, wie der Einstieg ins Berufsleben gelingen kann.

In OWL machen mehr als 100 Betriebe beim Freiwilligen Handwerksjahr mit

Dass aus der Idee inzwischen ein größeres Projekt geworden ist, zeigen die aktuellen Zahlen der Handwerkskammer OWL. Wie die Kammer am 18. September 2026 mitteilte, sind inzwischen mehr als 100 Betriebe für das FHJ+ registriert. Rund 320 junge Menschen wurden von der Kammer bereits zum Projekt beraten. Aktuell nehmen 56 junge Menschen in OWL am FHJ+ teil.

Die Zahlen sind dabei unterschiedlich zu bewerten: Die 320 Beratungen sind nicht gleichbedeutend mit 320 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Auch die mehr als 100 Betriebe haben sich registriert und signalisiert, dass sie FHJ-Teilnehmende aufnehmen können. Die Zahl der aktuell laufenden Teilnahmen liegt bei 56.

Trotzdem lässt sich inzwischen von einem spürbaren Interesse sprechen. Ein bundesweit vergleichbarer Gesamtwert existiert allerdings noch nicht. Die Handwerk-Innungskrankenkasse IKK classic stellte Anfang 2026 ausdrücklich fest, dass das Freiwillige Handwerksjahr noch nicht als einheitliches deutschlandweites Projekt umgesetzt wird. Neben Lübeck und OWL gibt es weitere regionale Modelle, unter anderem in Baden-Württemberg.

Für Schleswig-Holstein lagen bereits früh konkrete Erfahrungen vor. Nach einer Bilanz der Handwerkskammer Lübeck hatten 74 Jugendliche bis August 2025 am Projekt teilgenommen; 20 von ihnen starteten anschließend eine Ausbildung im Handwerk . Gleichzeitig hatten sich mehr als 200 Betriebe registriert. Spätere Angaben der Handwerkskammer beziehungsweise darauf basierende Berichte sprechen von rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Schleswig-Holstein.

Auch in OWL gibt es inzwischen erste Beispiele dafür, dass aus dem Orientierungsjahr ein Ausbildungsplatz werden kann. Der WDR berichtete im Juli 2026 über Greta Möller und Alies van der Wei, die über ihre FHJ-Erfahrungen den Weg in eine Ausbildung gefunden haben . Das zeigt, was sich die Initiatoren vom Projekt versprechen: Der Umweg über mehrere Praktikumsstationen kann am Ende für junge Menschen und Betriebe schneller zu einer passenden Ausbildung führen.

Warum das Handwerk Nachwuchs braucht

Damit wird aus einem zunächst kleinen Thema der Berufsorientierung eine Frage, die weit über einzelne Praktikumsplätze hinausgeht. Denn das Handwerk braucht Nachwuchs – und zwar nicht erst irgendwann und nicht erst seit gestern.

Nach einer aktuellen Analyse des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) konnten im Jahr 2025 im Handwerk rechnerisch knapp 100.000 offene Stellen nicht besetzt werden. In 59 von 115 Handwerksberufen wurden Fachkräfteengpässe festgestellt. Besonders betroffen sind unter anderem Bereiche, die für Infrastruktur, Gebäudesanierung und die Energiewende eine wichtige Rolle spielen.

Auch beim Nachwuchs zeigt sich ein ähnliches Bild. Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) blieben in den vergangenen Jahren im Schnitt rund 20.000 angebotene Ausbildungsplätze im Handwerk unbesetzt. Gleichzeitig steigen die Ausbildungszahlen inzwischen wieder. Der ZDH spricht für 2026 vom möglichen vierten Jahr in Folge mit steigenden Neuvertragszahlen .

Es ist also nicht einfach damit getan, zu behaupten, dass sich junge Menschen grundsätzlich nicht für das Handwerk interessierten. Die aktuelle KOFA-Analyse zeigt vielmehr ein differenziertes Bild: In Berufen wie Bauelektrik, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik oder Dachdeckerei steigen Bewerberzahlen und neu abgeschlossene Ausbildungsverträge. In anderen Bereichen, etwa im Metallbau sowie im Holz-, Möbel- und Innenausbau, ist die Entwicklung schwieriger.

Moderatorin Julia Ures (v .l.), Carl-Christian Goll, Geschäftsführer Berufsbildung der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld, Dr. Rebecca Wagner, Referatsleitung EA 1, Grundsatz Ehrenamt / Zentralstelle BFD, Technisches Hilfswerk, Brigadegeneral Stefan Weber, Vizepräsident des Bundesamtes für das Personalmanagement der Bundeswehr, Dr. Wiebke Esdar, Bundestagsabgeordnete und Stellvertretende Fraktionsvorsitzende des SPD und Peter Eul, Präsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld. Foto: Thomas F. Starke/HWK OWL
Moderatorin Julia Ures (v .l.), Carl-Christian Goll, Geschäftsführer Berufsbildung der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld, Dr. Rebecca Wagner, Referatsleitung EA 1, Grundsatz Ehrenamt / Zentralstelle BFD, Technisches Hilfswerk, Brigadegeneral Stefan Weber, Vizepräsident des Bundesamtes für das Personalmanagement der Bundeswehr, Dr. Wiebke Esdar, Bundestagsabgeordnete und Stellvertretende Fraktionsvorsitzende des SPD und Peter Eul, Präsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld. Foto: Thomas F. Starke/HWK OWL

Berufsorientierung wird zur Fachkräftesicherung

Das Freiwillige Handwerksjahr löst den Fachkräftemangel nicht. Dafür ist das Projekt noch zu jung und zu klein. Zum Vergleich: Laut Zahlen des Bundesarbeitskreis Freiwilliges Soziales Jahr absolvierten im Jahrgang 2024/2025 50.000 junge Menschen in Deutschland ein FSJ . Das Handwerksjahr kann aber an einer Stelle ansetzen, an der sich ein Teil des Problems zeigt: bei der Entscheidung für den richtigen Beruf.

Die Handwerkskammer OWL will das Pilotprojekt deshalb über die laufende Phase hinaus fortführen. Carl-Christian Goll, Geschäftsführer Berufsbildung der Kammer, fordert dafür konkrete politische Rahmenbedingungen. Auch die Verbindung zu anderen Freiwilligendiensten wird inzwischen diskutiert.

Bei der Veranstaltung „Handwerk OWL im Dialog – Brücken bauen: Wehrdienst, Handwerk und die Zukunft der Fachkräfte“ ging es deshalb nicht nur um Berufsorientierung. Die Handwerkskammer stellte das FHJ+ auch in einen größeren Zusammenhang mit Fachkräftesicherung, Bevölkerungsschutz und gesellschaftlicher Resilienz .

Für Lena Müller dürfte die große politische Debatte zunächst weit weg sein. Für sie geht es um eine viel unmittelbarere Frage: Was kommt nach dem Abitur? Die Antwort muss sie nicht mehr allein am Schreibtisch finden, sondern in der Werkstatt, auf der Baustelle oder im Betrieb.


Mehr zum Thema: Herausforderungen für die Fachkräftesicherung

Das Freiwillige Handwerksjahr ist ein Baustein bei der Suche nach Nachwuchs. Doch die Herausforderungen für Ausbildung und Fachkräftesicherung reichen weiter. Mehr über freie Ausbildungsplätze, fehlende Fachkräfte und die Frage, wie Betriebe mit veränderten Voraussetzungen junger Menschen umgehen, lesen Sie hier:

Defizite bei Schulabgängern
Ausbildungsstart 2026 in OWL
Konjunkturumfrage
Fachkräftemangel im Handwerk

Anmeldung zum Newsletter

Alle zwei Wochen die wichtigsten Themen aus Wirtschaft, Handel und Handwerk in Ostwestfalen-Lippe – kompakt zusammengefasst und direkt in Ihr Postfach.

Verpassen Sie keine Entwicklung mehr: Von neuen Unternehmensmeldungen über Branchentrends bis hin zu wichtigen Terminen aus der Region – mmm-owl hält Sie auf dem Laufenden.

Jetzt anmelden und alle zwei Wochen gut informiert sein.