OWL. Der 1. August gilt traditionell als Startschuss ins neue Ausbildungsjahr – auch wenn wegen der späten Sommerferien in NRW in vielen Betrieben die Azubis erst zum 1. September starten.  Zum offiziellen Stichtag zeichnen die Zahlen von IHK Lippe und IHK Ostwestfalen ein klares Bild: Die Anzahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge liegt unter dem Vorjahresniveau, das Angebot an offenen Plätzen bleibt weiterhin groß.

Die rückläufigen Zahlen bei den abgeschlossenen Verträgen zeigen sich in ganz NRW, wobei der Rückgang in Ostwestfalen etwas moderater ausfällt. NRW-weit wurden bis zum 31. Juli 2026 insgesamt 42.662 neue Ausbildungsverträge in IHK-Berufen registriert – ein Minus von 9,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresstichtag. Die IHK Ostwestfalen verzeichnet 5.130 neue Verträge, das sind 8,8 Prozent weniger als im Vorjahr (5.623). Der Rückgang fällt damit in Ostwestfalen etwas geringer aus als im NRW-Durchschnitt.

„Dass sich viele Unternehmen auch unter schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den Fachkräftenachwuchs engagieren, belegt die hohe Ausbildungsbereitschaft der ostwestfälischen Wirtschaft. Gleichzeitig spüren wir die Herausforderungen insbesondere in Teilen der Industrie und einen damit verbundenen Rückgang auch bei den Ausbildungszahlen“, sagt IHK-Präsident Jörn Wahl-Schwentker .

Aufgeschlüsselt nach Berufsfeldern zeigt sich: In den gewerblich-technischen Berufen sank die Zahl der Neuverträge um 11,0 Prozent auf 2.070, bei den kaufmännischen Berufen um 7,2 Prozent auf 3.060.

Zwischen Gütersloh und Bielefeld liegen Welten

Innerhalb Ostwestfalens entwickeln sich die Kreise sehr unterschiedlich. Der ausbildungsstärkste Kreis Gütersloh zeigt sich mit knapp 1.300 Neuverträgen und einem Minus von nur 3,6 Prozent recht stabil. Auch Herford (-6,6 Prozent) und Höxter (-7,1 Prozent) liegen unter dem Durchschnitt in Ostwestfalen. Deutlicher fällt der Rückgang im Kreis Minden-Lübbecke (-9,5 Prozent), im Kreis Paderborn (-10,9 Prozent) und in der Stadt Bielefeld (-14,2 Prozent) aus.

Die Anzahl der 2026 neu geschlossen Ausbildungsverträge in Ostwestfalen im Vergleich zu 2025. Grafik: mmm-owl 2026
Die Anzahl der 2026 neu geschlossen Ausbildungsverträge in Ostwestfalen im Vergleich zu 2025. Grafik: mmm-owl 2026

Für Lippe liegen keine eigenen absoluten Vertragszahlen vor, die IHK Lippe beschreibt die Entwicklung im eigenen Bezirk aber ausdrücklich als robust: Der Ausbildungsmarkt zeige sich dort „weiterhin positiv“ – trotz eines landesweiten Rückgangs von 9,3 Prozent. „Die duale Ausbildung ist und bleibt der wichtigste Weg, qualifizierte Fachkräfte für unsere Unternehmen zu gewinnen. Deshalb freut es uns, dass viele Ausbildungsbetriebe in Lippe auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten an ihrem Ausbildungsengagement festhalten. Das ist ein starkes Signal für die Zukunft unseres Wirtschaftsstandortes“, sagt Martin Raithel, Abteilungsleiter Aus- und Weiterbildung/Fachkräfte der IHK Lippe.

Regionale Entwicklung der Ausbildungsverträge in Ostwestfalen. Grafik: mmm-owl
Regionale Entwicklung der Ausbildungsverträge in Ostwestfalen. Grafik: mmm-owl

Noch immer über 1.700 offene Plätze in der Region

Trotz sinkender Vertragszahlen ist der Ausbildungsmarkt keineswegs leer gefegt. Allein über die von der IHK initiierte Plattform www.ausbildung.nrw/ostwestfalen sind aktuell noch 1.708 freie Ausbildungsplätze in Ostwestfalen gemeldet. Für Lippe sind die offenen Stellen hier gemeldet.

„Die aktuellen Daten zeigen aber auch: Der Ausbildungsmarkt ist weiterhin offen und bietet jungen Menschen gute Perspektiven. Wer noch keinen Ausbildungsplatz hat, sollte jetzt aktiv nach freien Stellen suchen und sich bewerben“, betont IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke und verweist auf die spät gelegenen Sommerferien und stellt aufgrund dieser Tatsache fest: „Gerade in diesem Jahr ist der Ausbildungsmarkt noch länger in Bewegung. Für Bewerberinnen und Bewerber ergeben sich damit auch in den kommenden Wochen noch sehr gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Und auch nach dem offiziellen Start ist ein Ausbildungsbeginn weiterhin möglich.“

„Viele junge Menschen glauben, dass nach dem 1. August keine Ausbildung mehr möglich ist. Das ist ein Irrtum.“ Martin Raithel

Auch Unternehmen mit offenen Stellen fordert Ostwestfalens IHK-Hauptgeschäftsführerin zum Handeln auf: „Je mehr offene Ausbildungsplätze bekannt sind und je leichter sie für Ausbildungsinteressierte zu finden sind, desto größer ist die Chance, dass Unternehmen und junge Menschen noch zueinanderfinden.“

Auch die IHK Lippe wirbt aktiv dafür, dass sich Jugendliche und Betriebe jetzt noch finden. Über die „ Passgenaue Besetzung “ unterstützt die Kammer kleine und mittlere Unternehmen bei der Suche nach geeigneten Auszubildenden und begleitet Jugendliche individuell auf dem Weg in die Ausbildung. „Viele junge Menschen glauben, dass nach dem 1. August keine Ausbildung mehr möglich ist. Das ist ein Irrtum. Auch jetzt bieten zahlreiche Unternehmen noch Ausbildungsplätze an. Gleichzeitig wissen wir aus unserer täglichen Arbeit, dass oft nur der richtige Kontakt zwischen Betrieb und Bewerberinnen und Bewerbern fehlt. Genau diesen Kontakt stellen wir her“, sagt Martin Raithel von der IHK Lippe.

Warum die Ausbildungsplätze in OWL frei bleiben

Dass Angebot und Nachfrage trotz freier Plätze nur schwer zusammenfinden, hat strukturelle Gründe, die mmm-owl bereits ausführlich beleuchtet hat: Laut der DIHK-Ausbildungsumfrage ist heute weniger die Zahl der Ausbildungsplätze das Problem, sondern die Passung zwischen Betrieben und Bewerberinnen und Bewerbern – von schulischen Grundkompetenzen bis zu Kommunikationsfähigkeit und Belastbarkeit. Wie stark dieser Befund die Betriebe in der Region beschäftigt, zeigt unser Bericht zu den Umfrageergebnissen der Deutschen Industrie- und Handelskammer.

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Beide Seiten müssen sich aufeinander zu bewegen

Der Ausbildungsstart 2026 fällt in Lippe und Ostwestfalen zurückhaltender aus als im Vorjahr, bleibt regional aber sehr unterschiedlich – und vor allem: Er ist noch nicht vorbei. Mit rund 1.700 offenen Stellen allein in Ostwestfalen und einem ausdrücklichen Signal beider Kammern, dass Bewerbungen auch nach dem 1. August Erfolg haben können, richtet sich der Appell an beide Seiten: Jugendliche sollten die kommenden Wochen aktiv nutzen, Betriebe ihre offenen Plätze sichtbar machen und alle Vermittlungswege – von der Passgenauen Besetzung bis zur Jobbörse – ausschöpfen.